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Als eine Bf 110 in Gerd Heinings Garten stürzte

Der 88-jährige Ostwestfale Gerd Heining hat viele Geschichten zu erzählen. Ein verbogenes Propellerblatt auf seiner Diele erinnert an einen Vorfall im Zweiten Weltkrieg.

24.01.2026

Eine Messerschmitt Bf 110 des Nachtjagdgeschwaders 4 im Jahr 1942 über Frankreich. © Bundesarchiv-Bild-101I-360-2095-31-Wanderer-W.-CC-BY-SA-3.0

Was ist denn das? „Ein altes Propellerblatt von einem deutschen Jagdflugzeug“, sagt Gerd Heining und streicht über das reichlich verbogene Etwas, das da auf seiner Diele im ostwestfälischen Spenge steht. „Da vorne ist es abgestürzt“, sagt der 88-Jährige etwas später und zeigt von seinem Küchenfenster in den Garten hinaus. Im April 1944 sei das gewesen. Ist ja ein Ding. Kann er sich daran erinnern? „Na klar“, sagt er. „Ich war ja schon sechs Jahre alt.“

Gerd Heining erlebte als Kind den Absturz einer Bf 110 in den elterlichen Garten. © VHS

Etwa 15 Meter von der Scheune entfernt habe sich das Flugzeug eines Nachts in die Erde gebohrt, also quasi im eigenen Garten. „Das Benzin ist direkt bis vor die Scheune gespritzt“, erzählt Heining. Und das Scheunentor habe lichterloh in Brand gestanden. „Ich sehe noch meinen Vater, wie er aufgeregt herumspringt.“

Der Nachtjäger war auf dem Weg nach Frankfurt

Zusammen mit einigen Helfern sei es gelungen, das Feuer zu löschen. Auch an ein Besatzungsmitglied, abgesprungen mit dem Fallschirm, könne er sich erinnern. „Der Mann hat hier erst mal seine Leuchtpistole abgefeuert“, erinnert er sich.

Auf dem Internet-Portal www.airwarhistory.com, dessen Betreiber aus Kirchlengern kommt und das sich unter der Überschrift „Spurensuche-OWL“ mit dem Luftkrieg in Ostwestfalen-Lippe zwischen 1939 und 1945 befasst, erfährt man noch wesentlich mehr. Der Nachtjäger, so heißt es dort, sei vom Fliegerhorst Wittmund in Ostfriesland zu seinem Einsatz nach Frankfurt am Main unterwegs gewesen. „Die Besatzung hatte den Befehl, feindliche Bomber anzugreifen, die sich im Anflug auf die Stadt Frankfurt am Main befanden.“  Ihr Flugzeug, eine Messerschmitt Bf 110, war ein Langstreckenjäger für die Nachtjagd. Über der Stadt Spenge habe der Einsatz gegen 2 Uhr morgens in 4.000 Metern Höhe allerdings ein jähes Ende gefunden.

Bis heute sei nicht geklärt, ob es ein feindliches oder ein deutsches Jagdflugzeug war, das den Nachtjäger angriff und traf. „Jedenfalls brannte nach kurzer Zeit einer der Motoren – und obwohl der Flugzeugführer die Treibstoffzufuhr sofort stoppte, brannte das Flugzeug weiter“, heißt es auf besagtem Portal. „So blieb den Männern keine andere Wahl, als in etwas mehr als 2.000 Metern Höhe auszusteigen. Während Besatzungsmitglied Fritz Pieper die Maschine über das Dach verließ, musste Bordfunker Josef Krinner erst auf eine Tragfläche klettern, um von dort abzuspringen.“

Der Flugzeugführer, Feldwebel Hans Meissner, habe am Steuerknüppel gerissen und sich aus der Kanzel fallen lassen. Alle Fallschirme öffneten sich, so dass die drei Männer – in einiger Entfernung von der Aufschlagstelle ihrer Maschine – sicher landeten. „Bordfunker Krinner blieb mit dem Fallschirm im Geäst eines Baumes hängen, konnte sich jedoch mit einem Messer selbst befreien“, heißt es in dem Text. Für Krinner sei es damals schon der zweite Fallschirmabsprung gewesen, erzählte er später, mindestens fünfmal habe er im Laufe der Jahre notlanden müssen.

Das Bild zeigt ein Besatzungsmitglied, das sich hoch über Spenge aus der brennenden Me 110 stürzt. Die Zeichnung stammt von einem Kriegsberichterstatter.

„Am nächsten Morgen wurden die drei Flieger über Bielefeld zurück nach Wittmund gebracht. Ein Räumkommando sammelte die Wrackteile ein und transportierte sie ab. Der nächste Flugeinsatz ließ nicht lange auf sich warten. Nach einem Tag Ruhepause mussten sie wieder fliegen“, heißt es auf dem Portal.

Einen besonderen Clou habe der Einsatz auch noch zu bieten gehabt: 99 Prozent der Flüge, so heißt es, seien zu zweit geflogen worden. Am 23. April 1944 hatten der Bordfunker und sein Flugzeugführer aber noch einen Unteroffizier des Bodenpersonals als Fluggast dabei. 2.000 Zigaretten hatte Fritz Pieper offenbar geboten, um mitfliegen zu können. Er habe sich das Eiserne Kreuz II an die Brust heften lassen wollen, das Besatzungsmitglieder bei einem Abschuss bekamen. „Es sollte sein erster und letzter Flug gewesen sein, er war nach dem Absturz vom Fliegen kuriert. Später ist er in Russland verschollen. Hans Meissner überlebte den Krieg – wie auch Josef Krinner“, heißt es abschließend.

Im August 1990 wurden die Reste der Maschine geborgen

Fast 50 Jahre später, im August 1990, wurden die tief im Boden steckenden Reste des zweimotorigen Flugzeugs vom Kampfmittelräumdienst geborgen. Mit dabei war auch der ehemalige Bordfunker Josef Krinner, der extra aus München angereist war, um die Bergungsarbeiten seiner ehemaligen Maschine zu begleiten.

Als die Flugzeugreste 1990 geborgen wurden, durfte Gerhard Heining dieses reichlich verbogene Propellerblatt behalten. © Haselhorst

Auch daran kann sich Gerd Heining noch sehr gut erinnern: „Ich weiß noch, wie ich eine der vielen Patronen mit dem Finger berührte“, erzählt er und muss sich selbst ein wenig amüsieren. „Bloß nicht!“, habe der Mann vom Kampfmittelräumdienst ihn angeherrscht. „Aufschlagzünder!“

Heining hat damals einige Kleinigkeiten behalten dürfen. Unter anderem das eingangs erwähnte Propellerblatt. Bordfunker Josef Krinner, der nach dem Krieg Zahnarzt wurde, habe er sogar mal besucht. „Der hat mir den Gipsabdruck eines Archäopteryx-Fossils geschenkt“, sagt Heining und freut sich. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Meiko Haselhorst

 

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Über Meiko Haselhorst

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Meiko Haselhorst (Jahrgang 1974) wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzeuge und fürs Fliegen lebt der Vater von zwei Töchtern nun auf Reisen, in der Literatur und an der Tastatur aus. Der Pilotentraum ist aber noch nicht ganz ausgeträumt....

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