Homepage » General Aviation » Einem Rollifahrer wachsen Flügel

Kurz vor Weihnachten war’s soweit: Carsten Tölle hat mit Bravour seine UL-Prüfung bestanden. Und ein eigenes Flugzeug hat er auch schon.

31.01.2026

Rollifahrer und Pilot Carsten Tölle vor seinem Ultraleichtflugzeug Ikarus Comco C42. © Meiko Haselhorst

„Wer das Ding so runterbringt, der kann damit umgehen.“ Das waren die anerkennenden Worte des Prüfers nach Carsten Tölles nicht ganz alltäglicher Landung am Flugplatz von Porta Westfalica. Kurz danach schüttelte ihm der Mann die Hand und sprach ihm seine Glückwünsche aus. Seitdem ist der Rollifahrer aus dem westfälischen Enger Pilot.

Ein paar Wochen liegt seine Prüfung nun zurück. Der Weg dorthin war freilich etwas länger. Und phasenweise auch durchaus steinig. AeroBuzz hatte darüber berichtet. Aber es hat sich gelohnt, definitiv. „Vielleicht macht das ja auch anderen Leuten Mut“, hofft Tölle.

Mut. Daran hat es ihm nie gemangelt. Den musste er auch haben. Im Alter von 19 Jahren erlitt er bei einem Motorradunfall eine „inkomplette Querschnittslähmung“. Doch schon im Krankenhaus schmiedete er mit seinem Vater Pläne, wie sie für ihn ein Kart umbauen könnten. Das war damals seine große Leidenschaft: mit hohem Tempo um die Kurven rasen. Mit besagtem Fahrzeug nahm er später an prestigeträchtigen Wettbewerben teil und hatte einen Stunt-Auftritt in der RTL-Krimiserie „Alarm für Cobra 11“ – aber das nur am Rande.

Später landete er beim Modellfliegen. „Eine klasse Sache“, findet er auch heute noch. „Aber irgendwie doof, auf der Erde zu bleiben und den Dingern nur hinterherzusehen.“ Daher – wenn auch viel später – der Schritt zur aktiven Fliegerei: 2023 hatte er im Fernsehen eine Dokumentation über einen Sportflieger im Rollstuhl gesehen. „Die Füße für die Pedale brauchst du nicht. Damit werden die Seitenruder und das Bugrad bedient. Das kann man umbauen“, erfuhr er.

Die Handsteuerung ist in der C42 mit relativ geringem Aufwand zu installieren. © Meiko Haselhorst

Tölle machte den Mann in Kassel ausfindig. Einige Tage später fuhr er zum Flugplatz, um mit ihm zu sprechen. „Flieg doch mal mit“, hieß es. „Drei Minuten nach dem Start wusste ich: Das will ich auch machen!“, erinnert sich Tölle.

Im Schützenverein fand er einen Mitstreiter. Beide fassten den Entschluss, den Flugschein zu machen. Zunächst die Theorie: ein neuntägiges Seminar in einem ehemaligen Kloster in Hofgeismar. „Neun Tage nur lernen. Ohne Pause. Und dann die viereinhalbstündige Prüfung in neun Fächern. Ein Hardcore-Programm“, erzählt Tölle. Aber eines, das sich lohnte: Beide kamen durch.

Zu zweit macht das Lernen mehr Spaß

„Dann haben wir uns ganz aufs Fliegen konzentriert.“ Jeder habe seine Flugstunden in Kassel-Calden absolviert, sein Kumpel in einem „normalen“ Ultraleicht-Flugzeug, Tölle im umgebauten Flieger.

„Außerdem haben wir in einem zweitägigen Lehrgang noch das Funkzeugnis gemacht“, erzählt der 57-Jährige. Dann die erste größere Hürde: Während der „normale“ Flugschüler von einem „normalen“ Fliegerarzt untersucht wurde und sein Medical ohne große Probleme bekam, dauerte es bei Tölle ein halbes Jahr. „Allein schon einen Arzt zu finden, der sich darauf einließ, war schwierig“, sagt er. Irgendwann war aber auch dieses Problem gelöst.

Im Sommer 2024 sah sich Tölle schon fast am Ziel seiner Träume. „Im September mache ich meine Prüfung, dann bin ich Pilot“, hatte er damals gesagt. „Aber dann hatte das Schulflugzeug einen Unfall und musste ein Dreivierteljahr am Boden bleiben“, erzählt Tölle. Und als es endlich wieder flog, „kam eine echt lange Phase mit Scheißwetter“. Einige Male sei er nach Kassel gefahren und habe dann doch nicht starten dürfen. „Ist irgendwie ein blödes Gefühl – man hat dann auch ein bisschen Angst, dass man das Fliegen wieder verlernen könnte“, sagt Tölle. War aber nicht der Fall.

Luftfahrerschein und Sprechfunkzeugnis: Carsten Tölle zeigt Stolz, was er mit Durchhaltevermögen erreicht hat. © Meiko Haselhorst

Seine Prüfung machte er letztlich am 4. Advent 2025 – am Flugplatz Vennebeck in Porta Westfalica. Auf seiner eigenen Comco Ikarus C42, einem UL, das er sich mit seinem Kumpel aus dem Schützenverein zugelegt hat. „Das Umrüsten auf Handsteuerung ist keine große Sache“, sagt Tölle. „Das Ding ist über eine Stange mit den Pedalen verbunden. Alles ganz einfach und rein mechanisch. Ist in wenigen Minuten montiert. Und kostet nur 600 Euro.“

Bei der Prüfung habe er in rund 500 Metern Höhe zunächst ein bisschen über der Weser fliegen müssen. Dann habe der Prüfer – ein sehr besonnener und angenehmer Mensch – ein paar beiläufige Fragen gestellt und ihn gebeten, ein paar bestimmte Kurven und eine Acht zu fliegen. „Und auf einmal hat er ohne Ankündigung das Gas rausgenommen“, erzählt Tölle und lacht. „Er wollte natürlich sehen, wie ich in solchen Fällen reagiere.“ Tölle bewahrte die Ruhe – was im Cockpit bekanntlich nie verkehrt ist.

Dann die Landung. „Mit Rückenwind“, betont Tölle, der sich dafür eines gekonnten Slips bediente. Nicht unbedingt das, was jeder Anfänger sofort draufhat. Der Prüfer war angemessen beeindruckt. Sein „Fanclub“ am Flugplatz ebenfalls. „Von außen sah das wohl spektakulär aus, meine Frau dachte schon, ich stürze ab“, sagt Tölle und lacht.

Kurz vor Weihnachten lag die Lizenz daheim im Briefkasten. „Definitiv das schönste Weihnachtsgeschenk“, sagt Carsten Tölle, der nun die Berechtigung zum Mitnehmen von Passagieren ansteuert.

Meiko Haselhorst

 

Keine News mehr verpassen: Abonnieren Sie unseren Newsletter!

Folgen Sie uns auf Bluesky

Liken Sie uns auf Facebook

 

Schon gelesen?

Ein Rolli-Fahrer will hoch hinaus

Weltumrunder stirbt bei Anflug auf Flugplatz in Thailand

Über Meiko Haselhorst

zum Aerobuzz.de
Meiko Haselhorst (Jahrgang 1974) wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzeuge und fürs Fliegen lebt der Vater von zwei Töchtern nun auf Reisen, in der Literatur und an der Tastatur aus. Der Pilotentraum ist aber noch nicht ganz ausgeträumt....

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.