Ein kalter, aber schöner Wintermorgen in der Gemeinde Lippetal. Die Sonne lugt durch die Sprossenfenster einer alten Tischlerei. Durch die Staubpartikel, die in der Luft tanzen, wandern ihre Strahlen über Spinnweben an den Wänden und über den Efeu, der sich durch zahlreiche Ritzen einen Weg ins Innere gesucht hat. Die Strahlen erfassen eingelagertes Brennholz und zugestellte Maschinen, die schon seit vielen Jahren nicht mehr laufen. Und sie küssen einen Schatz, der hier reichlich ramponiert an einer Wand lehnt und nur für Luftfahrtromantiker als solcher zu erkennen ist: einen SG 38, einen Schulgleiter, der sich seit rund 75 Jahren im Besitz des Segelflugvereins „Wittekind“ aus Enger befindet. AeroBuzz hatte über den Scheunenfund bereits berichtet.
Beim Ausräumen zeigt sich die Fragilität der Bespannung, die natürlich nicht mehr zu gebrauchen ist. © Meiko Haselhorst
„Da ist das gute Stück“, sagt Wittekind-Vorsitzender Manfred Otte und streicht über die geschundenen Tragflächen des Flugzeugs. Anfang der 1950er Jahre, als der Verein gegründet worden sei, habe man die Konstruktionspläne gekauft und das Flugzeug danach selbst gebaut. „Das machte man damals so – Geld für fertige Flugzeuge hatte keiner“, erzählt Otte. Als der Gleiter fertig war, hat man damit die Hänge der Region unsicher gemacht. Bis zu 16 Personen mussten an langen Gummiseilen ziehen und losrennen, damit der Flugschüler einen kleinen Hüpfer machen konnte.
Der Schulgleiter flog nur zwei Jahre, dann wurde er abgestellt. © Meiko Haselhorst
Allzu viel Vergnügen dieser Art hatten die Fluganfänger mit ihrem Schulungsflugzeug allerdings nicht: Nach einer recht harten Landung, so Otte, sei die Maschine schon bald wieder reparaturbedürftig gewesen. Da man zu jenem Zeitpunkt aber schon ein besseres Flugzeug in Aussicht hatte, sei der SG 38 erst gar nicht mehr repariert worden, sondern gleich am Boden geblieben. 1953 sei das gewesen. Vor 73 Jahren.
Der Rentner und das Zeitproblem
„Zuerst hat er jahrzehntelang in einer Halle der Firma Heckewerth in Enger gelegen“, erzählt Otte. Der damalige Geschäftsführer sei Vereinsmitglied gewesen. Vor etwa 20 Jahren sei das Flugzeug dann in die alte Tischlerei nach Lippetal gekommen. „Die gehörte meinem Vater“, sagt Franz Pepinghege, ebenfalls Pilot und „Wittekind“-Mitglied. Er selbst habe hier seine Ausbildung zum Tischler gemacht. Sein ursprünglicher Plan sei es gewesen, den alten Gleiter hier dereinst wieder aufzubauen. Aber wie das so ist: Rentner haben viele Projekte und wenig Zeit. So kommt es, dass der SG 38 – in seine Einzelteile zerlegt – nach wie vor wenig beachtet in einer Ecke liegt.
Der Schulgleiter war vor 75 Jahren von den Vereinsmitgliedern selbst gebaut worden. © Meiko Haselhorst
Pepinghege ist mittlerweile 76 Jahre alt. „Und wenn ich ehrlich sein soll – ich glaube nicht, dass ich noch dazu kommen werde, das Ding wieder flugtüchtig zu kriegen“, sagt er und lächelt. Was aber nicht heißen soll, dass das Schulsegelflugzeug hier liegen soll, bis es vollends zu Staub zerfällt.
„Wir können uns die Sache ja mal etwas genauer anschauen“, schlägt Manfred Otte vor. Vorsichtig befreit Franz Pepinghege die Tragflächen mit einem Besen von Staub und Sägespänen, dann greifen sich Otte und Diether Bönker (ebenfalls vom Verein) einen der beiden Flügel und tragen ihn in einen anderen Raum der ehemaligen Tischlerei, wo bereits zwei Rumpfteile der Maschine warten. Sperrig ist das alles, so ein Gleiter ist groß. Das Gewicht hingegen ist gar kein Problem, alles besteht aus dünnem Sperrholz und Stoff.
Beschläge sind noch voll beweglich
Es dauert kaum 20 Minuten, da sind alle Einzelteile beisammen – und so angeordnet und zusammengesetzt, dass auch der Laie ein Flugzeug darin erkennen kann. Fast so, als könne man sich hineinsetzen und einen Luftsprung wagen, wenn auch nur einen ganz kurzen. Manfred Otte muss lachen. „Das täuscht“, sagt er. Holz und Stoffbespannung seien definitiv nicht mehr zu gebrauchen. Was ihn nach kurzer Beschau positiv überrascht: Die Beschläge, einschließlich Spannschlösser und Schleppkupplung, seien noch voll beweglich. „Das hatte ich so nicht unbedingt erwartet“, sagt er. „Wieso? Das hat hier doch trocken gestanden“, wirft Franz Pepinghege ein. Aber um die Beschläge herum müsse man quasi ein neues Flugzeug bauen, sagen beide. Und das sei nicht nur eine finanzielle, sondern vor allem eine zeitliche Herausforderung.
Die Beschläge haben über 70 Jahre in der Scheune in einem bemerkenswert guten Zustand überstanden. © Meiko Haselhorst
„Das Holz habe ich schon besorgt“, sagt Pepinghege. „Polnische Kiefer.“ Für die Bespannung, schätzt Manfred Otte, müsste man noch mal um die 5.000 Euro einkalkulieren. Das Geld ließe sich sicher irgendwie zusammenkratzen, glaubt er. Das größere Problem sei wohl tatsächlich der zeitliche Aufwand. „Das kann eigentlich nur ein Rentner machen“, sagt Otte. Und selbst die – siehe Franz Pepinghege – hätten dafür nicht immer Zeit und Muße. Vom nötigen Know-how mal ganz zu schweigen. Und dann sei da ja noch die Denkmalpflege des LWL (Landschaftsverband Westfalen-Lippe), die zunächst die „Genehmigung zum Dürfen“ erteilen müsse, wie es die drei Piloten ausdrücken.
Den Namen Engerling soll das gute Stück auch nach einer Restaurierung behalten. © Meiko Haselhorst
Und trotzdem: Den Flieger im Dornröschenschlaf zu belassen, sei keine Option. „Wenn jemand von außerhalb uns helfen kann und möchte, darf er sich gerne melden“, sagt Otte. Eine wichtige Bedingung möchte er allerdings schon jetzt benennen: Sollte der SG 38 eines Tages wirklich wieder einen Hang in der Region hinabrutschen, dann selbstverständlich nur unter dem Namen „Engerling“. Den trägt er seit 75 Jahren, auch wenn er 73 davon am Boden verbrachte.
Meiko Haselhorst
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