Zugegeben: Nach einem Flugzeug sieht das hier noch nicht so richtig aus. Zumindest nicht für den Laien. Eher nach einem Boot. „Wird ja auch ein Flugboot“, sagt Manfred Otte und lächelt. Und damit ist die Katze auch schon aus dem Sack: Der 57-Jährige, der im wahren Leben ein Unternehmen mit rund 40 Mitarbeitern führt, geht nach Feierabend gerne in seine ehemalige Elektrowerkstatt und tüftelt an einer „Osprey 2“. Seit etwa vier Jahren. Es wird sicher noch ein paar weitere Jahre dauern, aber eines Tages möchte er damit auch fliegen.
Eine Pereira Osprey auf der Canadian Aviation Exhibition. © Ahunt via Wikimedia Commons
Pilot ist Manfred Otte schon seit 1983. „Aber immer nur als Hobby“, sagt der Vorsitzende des Segelflugclubs „Wittekind“ aus Enger. Seine Brötchen verdient er anders: Sein mittelständisches Unternehmen in Spenge/Ostwestfalen ist auf die Fertigung von Fassadenliften spezialisiert und operiert auf diesem Gebiet weltweit. Die Hauptwerkstoffe: Stahl und andere schwere Metalle. „Ich selbst sitze aber meistens im Büro“, sagt der Diplom-Ingenieur und ein leichtes Bedauern klingt an dieser Stelle durch.
Dass man da einen Ausgleich braucht, ist nachvollziehbar. Für Otte ist es das Fliegen. Und weil er ein technikaffiner Mensch ist, auch das Schrauben an Flugzeugen. „Ich habe schon viele Flieger repariert und grundüberholt“, sagt er. Dass er sich daran macht, ein ganzes Flugzeug selbst zu bauen, passiert nun allerdings zum ersten Mal. Und dass es sich dabei um ein Flugboot handelt, kommt nicht von ungefähr: „Ich darf tatsächlich auch Wasserflugzeuge fliegen“, sagt Otte. Vor vielen Jahren habe er in Flensburg mal seine Lizenz dafür gemacht. „Ich bin sogar Schatzmeister im ,Deutschen Wasserflieger-Verband’“, sagt Otte und lacht.
Der Fischadler ist eine seltene Art in Europa
„Ein paar Hundert Stück“, seien von der „Osprey“ (übrigens das englische Wort für „Fischadler“) einst unterwegs gewesen, heute seien es deutlich weniger, in Deutschland wisse er von einem einzigen Exemplar, das auf Usedom ein eingelagertes Dasein fristen soll. Das zweisitzige Amphibienflugzeug mit Fahrwerk am Schwimmkörper und Druckpropeller hoch über Rumpf und Tragfläche wurde Mitte der 70er Jahre vom Amerikaner George Pereira entworfen und kam für den Selbstbau auf den Markt. Will heißen: Wenn jemand den Fischadler fliegen wollte, gab es immer nur zwei Möglichkeiten: Entweder sah er sich nach einer gebrauchten Maschine um – oder er kaufte sich die Konstruktionspläne und fing selbst an zu bauen.
Otte fand Gefallen an dem ausgefallenen Vogel, besorgte sich die Zeichnungen, kaufte Kiefernvollholz und Birkensperrholz und legte los. „Fertige Bauteile gibt’s für dieses Flugzeug nicht – hier wird jedes noch so kleine Stück selbst angefertigt, gebogen und wasserfest verleimt“, erklärt Otte und zeigt in die teils filigranen Verstrebungen im Rumpfinneren. Schrauben würden erst später benutzt, und auch nur zum Befestigen der Beschläge. Alles solle schließlich so leicht wie möglich sein, „aber trotzdem stabil“, betont Otte. Eine der ältesten und wichtigsten Regeln für Flugzeugbauer.
Dass es mit seiner Osprey lange dauern würde, sei ihm von Anfang an klar gewesen. „Das stört mich auch nicht, hier ist auch der Weg das Ziel“, sagt Otte. Dass er nach rund vier Jahren noch nicht weiter sei, hänge aber auch damit zusammen, dass die Weltwirtschaft seit Corona und Ukraine-Krieg von einer Krise in die nächste stürze und er sich noch mehr als sonst auf sein Unternehmen konzentrieren müsse. Viel zu selten finde er abends Zeit und Muße, in seine einstige Elektrowerkstatt zu gehen, um sich seinem Flugzeug zu widmen.
Wie muss man sich das eigentlich vorstellen? Schaltet er dann das Radio ein und macht sich eine Flasche Bier auf? Otte schüttelt den Kopf. „Ich mag es dann eher leise“, sagt er. Man müsse sich ja auch konzentrieren. Und eine Flasche Bier gebe es höchstens mal, wenn ein wichtiger Arbeitsschritt erfolgreich bewältigt worden sei.
Nur Holz und Leim: Blick in das Innenleben des Rumpfes. © Meiko Haselhorst
„Als Nächstes kommen die Gestänge für die Steuerung an die Reihe, das geht vielleicht etwas schneller, weil es Metall ist“, schätzt Otte. Und irgendwann seien auch die Tragflächen dran – Holme und Rippen dann natürlich wieder aus leichtem Holz. „Und die werden dann mit Oratex bespannt“, sagt er. Ein Baustoff aus der modernen Fliegerei. Früher habe man dafür noch Baumwolle benutzt und danach mit Spannlack gearbeitet. Mit der modernen Folie seien nur noch Bügeleisen und Heißluft nötig.
Rund 200 Arbeitsstunden habe er in seinen Traum bislang investiert. Um die 2.000 Stunden werden noch nötig sein, bis der Flieger fertig ist, schätzt Manfred Otte. „Ich hoffe, ich komme in den nächsten Jahren etwas mehr zum Arbeiten als in den vergangenen vier Jahren“, sagt er. „Sonst wird es wirklich noch ein sehr langer Weg.“ Aber eines Tages, da ist er zuversichtlich, führt ihn dieser Weg ans Ziel – aufs Wasser und in die Luft.
Meiko Haselhorst
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