Homepage » Aero-Kultur » Die letzte Reise der Tante Ju

Die Quax-Flieger aus Paderborn nehmen den berühmtesten Flugzeug-Oldtimer Deutschlands unter ihre Fittiche. Am Samstagmorgen fand der Schwertransport von Bremen in die neue Heimat statt.

28.09.2020

Der Transport der Ju 52 über die Autobahn musste in der Nacht erfolgen. © Meiko Haselhorst

Am Ende hakt es doch noch ein bisschen: Ein Eingangstor am Flughafen knallt gegen den Tieflader und beschädigt um ein Haar den Wellblechrumpf des 84-jährigen Flugzeugs. Und dann müssen wider Erwarten noch zahlreiche Löcher in ein Stahlgerüst gebohrt werden, um den Koloss vom Hänger zu hieven – die Anwesenden am zugigen Hangar beginnen zu frösteln. Aber am Ende wird alles gut: „Tante Ju“ bekommt ihren Platz in der Halle, die Gäste jubeln und klatschen. Ein echter Höhepunkt im Quax-Vereinsleben.

Der Transport der Ju 52 D-AQUI

Samstagmorgen, viertel vor fünf am Ausgang des Neustädter Hafens in Bremen: Es ist dunkel und windig, Geschrei von Möwen liegt in der Luft, die meisten Fernfahrer liegen noch in ihren Betten, als der Pförtner eine Schranke öffnet. Der eben noch schwarze Himmel flackert orangefarben, drei riesige Tieflader, zwei Lkw und drei Begleitfahrzeuge passieren das Tor. Ihre Fracht ist ein wirkliches Schwergewicht, vor allem in der Fliegerszene: Deutschlands berühmtester Flugzeug-Oldtimer, die Junkers Ju 52, genannt „Tante Ju“. Das Ziel: der Flughafen Paderborn-Lippstadt. Dort soll das betagte Flugzeug eine neue Heimat bekommen.

Kaum hat der Tross die Tore Bremens hinter sich gelassen, geht’s von der A1 auf den Rastplatz Delmetal Nord: „Wir mussten schnell aus Bremen raus, weil wir keine Transportgenehmigung für tagsüber hatten“, erklärt einer der Fahrer. „Jetzt machen wir erst mal in Ruhe Frühstück.“

Von Ruhe kann bei Burkhard Jacobfeuerborn keine Rede sein. Aufgeregt rennt er mit Kamera und Teleskopstange herum und fotografiert alles kurz und klein. Der Mann aus Greven war Flugkapitän bei der Lufthansa und hat die Ju selbst geflogen. „Von 1999 bis 2018“, sagt er. Dann war von heute auf morgen Schluss mit Rundflügen – zu teuer wäre der Lufthansa die mal wieder nötig gewordene Grundüberholung der Flügelstruktur geworden. Der Oldie wurde auseinandergenommen und eingelagert. Für den leidenschaftlichen Piloten eine kleine Tragödie.

Ritterschlag für die Quax-Flieger

Auch die Quaxe Peter Sparding und Peter Sprockhoff laufen unruhig über den Platz, aber aus anderen Gründen: Für den Vorstand des Paderborner Vereins „zur Förderung von historischem Fluggerät“, ist heute ein Jubeltag. Unter den vielen Oldtimern des Vereins und seiner Mitglieder befinden sich bereits zahlreiche Schätze, „aber das hier ist der Ritterschlag, auch wenn die Lufthansa Eigentümerin bleibt“, sagt Sprockhoff. „Dieses Flugzeug …mit dieser Geschichte…“

Das Flugzeug mit dem Kennzeichen D-AQUI hat in der Tat ein bewegtes Leben hinter sich: Gebaut wurde sie 1936 in Dessau – schon damals unter der heutigen Zulassung.  Nach wenigen Monaten wechselte sie von der Lufthansa nach Norwegen. 1940 kam sie zurück, 1945 ging‘s wieder nach Norwegen. Dort beflog sie – ausgerüstet mit Schwimmern – die Nordkaproute. 1957 ging es nach Ecuador. Dort war die Ju bis 1962 unter dem klingenden Namen „Amazonas“ im Einsatz. Später ging’s in die USA. Im Besitz eines Schriftstellers sorgte Tante Ju als „Iron Annie“ auf Flugshows für Aufsehen.

1984 schließlich entdeckten Piloten der Lufthansa das Flugzeug – und fädelten eine Rückführung nach Deutschland ein. Es folgte eine aufwendige Restaurierung des Oldtimers. Schon bald danach führte die deutsche Fluggesellschaft Rundflüge damit durch, die D-AQUI wurde Aushängeschild und Publikumsliebling – aber aufgrund vieler Instandsetzungen und Modernisierungen auch immer mehr zu einem Groschengrab. 2018 – an den Flügeln waren einmal mehr schwerwiegende Strukturprobleme festgestellt worden – schob der Lufthansa-Vorstand der Sache einen Riegel vor: Die D-AQUI wurde zerlegt und eingelagert. „Sie wird nicht wieder fliegen“, hieß es. Vor wenigen Wochen dann die Überraschung: Die Maschine kommt nach Paderborn, die „Quaxe“ übernehmen die Halterschaft.

Daumen hoch auf der Autobahn

„Weiter geht’s – aufsitzen“, ruft ein Fahrer – und alle setzen sich wieder ans Steuer. Der Transport nach Paderborn verläuft ohne Komplikationen, auf der Autobahn wird der Tross immer wieder angehupt, viele nach oben gereckte Daumen sind zu sehen. Auf dem Rastplatz Hövelsenne West hält ein Ehepaar mit seinem Wagen direkt vorm Rumpf. „Das gibt’s doch nicht – die war mal bei uns in Diepholz auf dem Flugplatzfest!“, ruft der Mann. Kapitän Jacobfeuerborn schießt für die beiden ein Erinnerungsbild.

Am Nachmittag, mittlerweile ist es halb vier, steht der Rumpf endlich an seinem neuen Platz – wo Besucher ihn schon ab dem kommenden Wochenende als neues Prunkstück der Quax-Oldtimer-Sammlung bestaunen können. Die Tragflächen werden zunächst im angeschlossenen Haupthangar untergebracht, welcher ebenfalls besichtigt werden kann. „Im Laufe der Zeit“, so heißt es in der offiziellen Pressemitteilung des Vereins, soll die Maschine komplett zusammengesetzt werden.

Fliegen wird die D-AQUI alias „Amazonas“ alias „Iron Annie“ wohl nicht mehr, „aber wir wollen sie soweit hinkriegen, dass wir zu gewissen Anlässen die Motoren starten und über den Flugplatz rollen können“, sagt Peter Sprockhoff vom Quax-Vorstand. Wenigstens etwas. Oder wie Burkhard Jacobfeuerborn sagt: „Alles ist besser, als die Maschine in einer Hafenhalle in Bremen verrotten zu lassen.“

Meiko Haselhorst

 

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Über Meiko Haselhorst

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Meiko Haselhorst (46) wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzege und fürs Fliegen lebt der zweifache Vater zuweilen auf Reisen und an der Tastatur aus.

1 Kommentar

  • Georg Dertinger

    Wir hatten am 20.06.2018 noch das Vergnügen einen Rundflug vom Flughafen Paderborn- Ahden mit diesem phantastischem Flieger machen zu dürfen, ein mal rund um das Hermans Denkmal bei Detmold.
    Und jetzt, die legendäre Ju52 steht bei uns kurz vor der Haustür im Paderborner QUAX Hangar und kann jederzeit besichtigt werden.
    Wir, meine Frau und ich, freuen uns schon auf das nächste „Ausmotten“ der „Alten Kisten“ des QUAX Vereins in 2021, sofern Corona kein Strich durch die Rechnung macht.
    Vielleicht ist ja bis dahin eine rollfertige Aufarbeitung der Tante Ju geglückt.

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