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Carl Friedrich Meerwein gilt in seiner badischen Heimat als „der erste Flieger der Welt“. Im übrigen Deutschland kennt kaum jemand den Namen dieses frühen Flugpioniers. Beides ist nicht so recht angemessen.

14.01.2023

Carl Friedrich Meerwein wollte den Menschen Flügel verleihen. Selbst geflogen ist er trotz seiner theoretischen Vorarbeiten aber nicht. Repro: Haselhorst

An einem warmen Juniabend des Jahres 1784 ist es dann geschehen (…), keine Seele war daheim geblieben (…), ein Schrei aus 1.000 Kehlen stieg auf (…), ein furchtbarer Stoß und (…), er war auf Engelwirts Dunghaufen gelandet.” So beschreibt die Autorin Toni Rothmund die Geschehnisse, die sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts im damals sehr kleinen badischen Städtchen Emmendingen zugetragen haben sollen. Nehmen wir’s vorweg: Mit der Wahrheit hat diese Schilderung nur sehr wenig zu tun.

Die Person Carl Friedrich Meerwein hat es gegeben – so viel steht fest. Der 1737 geborene „Markgräflich badische Landbaumeister“ hat in seiner Heimatregion zahlreiche Gebäude hinterlassen. Mit der Theorie des Fliegens hat er sich ernsthaft beschäftigt – auch da gibt’s keinerlei Zweifel. Und sogar eine „Flugmaschine“ hat er gebaut. Aber geflogen ist der Mann höchstwahrscheinlich nie. Das ist seinen schriftlichen Hinterlassenschaften ziemlich eindeutig zu entnehmen. Und trotzdem: In Baden kursieren heute die erstaunlichsten Meerwein-Geschichten. Was davon ist Fakt? Und wie kam es zu dieser Geschichtsklitterung?

C.F. Meerwein, der erste Flieger der Welt?

„Zur Grabstätte von C. F. Meerwein, dem ersten Flieger der Welt“, lautet ein Hinweis in der Nähe des Bahnhofs von Emmendingen, heute immerhin eine 30.000-Einwohner-Stadt. Folgt man ihm, landet man auf dem Alten Friedhof. Dort steht am Eingang noch mal das gleiche Schild. Und es ist beileibe nicht die einzige Würdigung dieser Art, die Carl Friedrich Meerwein in seiner Heimatstadt zuteil wird: Auf dem Kleinen Marktplatz steht am Brunnen eine Meerwein-Skulptur – mit käferartig angelegten Flügeln. Eine Grundschule ist ebenfalls nach Meerwein benannt. Das Logo: Ein Mann unter einer Art Gleitschirm, von Kinderhand gemalt. Und auch die örtlichen Piloten tragen Carl Friedrich Meerwein im Vereinsnamen: „Sportfliegerclub CFM“. Mit mindestens neun Nennungen im öffentlichen Raum ist er die mit Abstand meistgenannte historische Person der Stadt. Wer mit Emmendingen nicht vertraut ist, wundert sich. Wer war dieser Mann?

Ein zeitgenössisches Porträt von Carl-Friedrich Meerwein. Repro: Haselhorst

Carl Friedrich Meerwein wird am 2. August 1737 als Sohn eines Pfarrers in Leiselheim am Kaiserstuhl geboren. Nach einer Lehre in Karlsruhe studiert er in Straßburg und Jena unter anderem Mathematik, Physik und Ingenieurswesen. 1769 wird er Landbaumeister der oberen badischen Markgrafschaft um Emmendingen.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit befasst er sich mit der Theorie des Fliegens. Ab August 1781 baut Meerwein nach seinen Berechnungen das Modell einer „Flugmaschine, welche 111 Quadratschuh (etwa 10,5 Quadratmeter) hält, ohne das Steuerruder, und vor sich 56 Pfund wiegt“, wie er selbst schreibt. 1782 erscheint in der Zeitschrift „Oberrheinische Mannigfaltigkeiten“ Meerweins Text: „Der Mensch! sollte der nicht auch mit Fähigkeiten zum Fliegen gebohren seyn?“ 1784 wird in Basel nahezu derselbe Text publiziert – als illustriertes Büchlein. Es wird in mehrere Sprachen übersetzt – und sehr spät, im Jahr 1999, sogar nachgedruckt.

Theoretische Vorarbeiten zum Menschenflug

Dass Meerwein sich seinerzeit ernsthafte und auch schon recht fortgeschrittene Gedanken zur Fliegerei macht, belegen diese Schriften ganz zweifellos. Er bezeichnet die ersten Erfolge der Gebrüder Montgolfier mehr als ein „Schwimmen in der Luft, als ein Fliegen nach Art der Vögel”. Dass Letzteres dem Menschen bis dato versagt geblieben ist, führt er auf folgende Gründe zurück: „Entweder in dem Bau oder in der Struktur des Menschen selbst, oder in dessen zu großer Schweere, oder im Mangel hinlänglicher Stärke, eine entsprechende Maschine zu bedienen – oder endlich im Mangel tauglicher Materialien zu einer solchen Maschine.”

Meerwein ist der Meinung, dass der Mensch „mittels einer tauglichen Maschine durchaus das Fliegen erlernen könnte“. Dem Haupteinwand vieler seiner Zeitgenossen, der Mensch sei zum Fliegen viel zu schwer, begegnet der Landbaumeister mit einer Metapher: „Selbst der Adler wird zum Fliegen zu schweer, so bald man ihm die Flügel stutzet oder die Schwungfedern ausrupfet; oder wenn man ihm Zaunkönigs-Flügel geben könnte.”

Wenn die tragende Fläche der Maschine nur groß genug sei, so Meerweins Überzeugung, müsse ein Mensch damit fliegen können. Um die erforderliche Größe dieser tragenden Fläche herauszufinden, zieht er Wildvögel als Vergleichsobjekte heran und setzt deren Gewicht und Flügelgröße ins Verhältnis. Die errechneten Ergebnisse variieren allerdings von Vogelart zu Vogelart sehr stark. Schließlich legt er sich für den durchschnittlichen Homo Sapiens auf eine erforderliche Tragfläche von 240 Quadratschuh (etwa 22,6 Quadratmeter) fest.

Was das Material zum Bau der Maschine betrifft, so führt er aus: „Wenn unter der bestimmten Größe die Maschine nicht mehr als 40 bis 50 Pfund schwer seyn darf, und dabey doch von erforderlicher Stärke seyn muss, so müßen die Materialien zähe und stark und dennoch so leicht als möglich gewählet werden. Zum Gerippe der Maschine muß man also ein leichtes aber zähes Holz wählen, z. B. Linden, oder ein gespaltenes Tannenholz, damit es nicht leicht breche oder reiße und Unglück veranlasse. – Noch mehrerer Sicherheit wegen kann das Holz, besonders da, wo es einen Nagel erhalten muß, mit starkem Leinen-Tuch überleimt werden. Wird sodann dieses Gerippe mit einem leichten, dichten und dennoch hinreichend starken Leinen- oder Baumwollen- oder Wachstuch überzogen, so wird man, vermittelst solcher Materialien, seinen Endzweck sicher erreichen.“

Das Logo der Grundschule von Emmendingen erinnert an den Luftfahrt-Vordenker Meerwein. © Carl-Friedrich-Meerwein Grundschule Emmendingen

Über die Konstruktion des Flugapparates schreibt Meerwein: „Wenn ich mir also eine Maschine mache, welche aus zwei gleichen Theilen bestehet, und wenn ich diese Flügel in der Mitte durch biegsame Bunde verbinde, auch diese zusammengesetzte Maschine noch so weit als breit mache, und so, daß ich mich in horizontaler Lage darinn zu befestigen und mich mit derselben so zu vereinigen vermag, daß ich dadurch gar nicht gehindert werde, alle meine Kraft auf die vorteilhafteste und der Absicht angemeßenste Art anzuwenden: so darf ich sicher darauf zählen, daß ich mit einer solchen Maschine werde fliegen lernen können.”

Sehr wichtig: Meerweins Maschine ist als Flügelschlagapparat konzipiert – eine Idee, der seinerzeit bekanntlich viele Flugpioniere nachhängen. Von einem gewölbten Flügelprofil wie es für einen Gleitflug nötig wäre, ist in seinen Ausführungen nirgends die Rede. Er wird von dieser Notwendigkeit mehr als 100 Jahre vor Lilienthal schlichtweg nichts wissen. Dafür zieht er an anderer Stelle den Gebrauch einer Maske in Erwägung, um zu verhindern, dass die während des Fluges verstärkt einströmende Luft Schaden an der Lunge verursacht. Aber das nur am Rande.

Meerwein ist kein Scharlatan und Wichtigtuer. So behauptet er denn auch niemals, geflogen zu sein. Selbst von einem bloßen Versuch spricht oder schreibt er nicht. Im Gegenteil, in seinem Buch von 1784 ist auch Folgendes zu lesen: „Es wäre eine höchst sträfliche Verwegenheit, die erste Probe mit einer Maschine zum Fliegen in einer Gegend und unter Umständen zu wagen, unter welchen der Mangel an Gegenwart des Geistes (…) oder ein Versehen in den noch ungewohnten Handgriffen, halsbrechend werden müsste (…). Die sicherste Gegend vor einen Lehrling in dieser neuen Kunst, ohne Lebensgefahr den ersten Versuch zu wagen, wäre ein tiefes Wasser, unmittelbar unter einer etwas beträchtlichen Anhöhe. Wie etwann an dem sogenannten Rheinsprung in Basel. – Denn wer in ein etwas tiefes Wasser fällt, der bricht weder Hals noch Bein, und gegen das Ertrinken gibt es hinreichende Verwahrungsmittel.“

Klingt nicht so, als trüge sich Meerwein hier mit dem Gedanken, besser heute als morgen durch die Emmendinger Luft zu flattern – und dann auf einem Misthaufen zu landen. Von einem Flugversuch ist auch in den lokalen und regionalen Schriften jener Zeit rein gar nichts vermerkt. Und dass es – abgesehen von dem Modell – überhaupt zum Bau eines weiteren Flugapparats kommt, ist ebenfalls nicht belegt. Carl Friedrich Meerwein selbst schreibt jedenfalls nichts dazu.

Der Landbaumeister Meerwein wirkt noch ein Vierteljahrhundert weiter, vom Flieger Meerwein hingegen gibt es keine weiteren Zeugnisse mehr. Als sich im Mai 1811 der Schneider von Ulm in gewisser Weise unsterblich macht, ist Carl Friedrich Meerwein erst seit einigen Monaten tot. Gestorben am Nikolaustag des Jahres 1810, an den Folgen eines Absturzes – vom Pferd wohlgemerkt. Danach gerät er für 100 Jahre in Vergessenheit.

100 Jahre nach dem Tod: Meerwein hebt ab

1910, in einer Zeit also, in der das Fliegen mittlerweile sehr populär ist, tauchen plötzlich Berichte auf, wonach Carl Friedrich Meerwein „Gleitflüge von einem erhöhten Abflugort unternehmen konnte“. Zwei Jahre später beschreibt das „Breisgauer Sonntagsblatt“ das Leben Meerweins und druckt in zwei Folgen dessen gesamtes Büchlein im Wortlaut ab.

1925 erscheint die Geschichte erstmals schön ausgeschmückt: Die in der Stadt lebende Autorin Toni Rothmund (1877 bis 1956) schreibt – wiederum für das „Breisgauer Sonntagsblatt“ – die Novelle „Herrn Meerweins Vogel“ und erfindet fantasievoll ein Geschehen mit Schauplätzen wie dem Burghang, mit Personen wie dem Schreiner Lips und dem Engelwirt sowie mit Dialogen zwischen Meerwein und seiner Frau.

Nach dem eingangs geschilderten Flug trug sich in Emmendingen laut Novelle Folgendes zu: „Gut, dass der unglückliche Flieger nichts von dem Gelächter vernahm, welches in der Folge das ganze Land herauf und herunter erscholl, und gut, dass er die zahllosen billigen Witze über seinen Sturz und seine Landung auf dem Misthaufen nicht hören musste.“ Rothmund schreibt auch, dass Meerweins linker Arm steif blieb und dass es aus diesem Grund mit dem Fliegen vorbei war. Das Gestänge seines „Vogels“ habe der Landbaumeister voller Groll und Bitterkeit in seinem Garten verbrannt. Und aus dem Leintuch der Tragflächen durfte Mutter Meerwein in der Novelle „Hosen für die Buben“ nähen.

Mit dieser Schilderung wird Meerweins Vogel wohl endgültig in die dünne Luft der Fantasie entlassen. Und dort beginnt er ein erstaunliches Eigenleben: In späteren Berichten hat der Engelwirt plötzlich einen Namen, ist Nachbar und Freund von Meerwein und Bruder des seinerzeitigen Emmendinger Bürgermeisters Trautwein – der aber leider auch nichts Schriftliches über das doch so ungeheuerliche Ereignis hinterlässt. Als offizielle Variante gilt dafür plötzlich, dass Meerwein den Misthaufen des Engelwirts als Landeplatz ausgesucht und gezielt angesteuert hat – weshalb er vorsorglich mit Heu und Stroh bedeckt worden war. Auf einmal gibt es auch einen optimierten Startplatz: eine „schiefe Ebene mit Holzrollen“.

Die Jahrzehnte gingen ins Land, immer mehr erdachte Details machten als Fakten die Runde und Carl Friedrich Meerwein nistete sich als „erster Flieger der Welt“ im kollektiven Gedächtnis der Emmendinger Bevölkerung ein. In den 1980er Jahren (!) wird es in verschiedenen regionalen Medien schließlich deutlich ausgesprochen: „Nicht der Berliner Ingenieur Otto Lilienthal war der Erste, dem Gleitflüge von mehreren hundert Metern gelangen”. Es sei vielmehr der Hochfürstlich Badische Landbaumeister C. F. Meerwein gewesen, der dieses Kunststück vollbracht habe – und zwar schon hundert Jahre früher. Dem schlichten Badener sei nur nicht die Publicity vergönnt gewesen, wie 100 Jahre später dem Preußen Lilienthal. Womöglich auch deshalb, so wird an anderer Stelle gemutmaßt, weil in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts alle Welt nach Frankreich schaute, wo die Gebrüder Montgolfier gerade den Himmel eroberten.

Der Grabstein von Carl Friedrich Meerwein auf dem Alten Friedhof von Emmendingen zeigt ein falsches Geburtsdatum. © Creative Commons/ Andreas Schwarzkopf

Gelegentlich ist noch von einem zweiten (erfolglosen) Versuch Meerweins in Gießen die Rede, etwa ein Jahr nach dem vermeintlichen Jungfernflug in Emmendingen. Hierzu gibt es einen einzigen einigermaßen zeitnahen Bericht aus dritter Hand – die Beschreibung des Flugapparates unterscheidet sich allerdings deutlich von der vorangegangenen des Flugpioniers selbst.

Apropos: Was ist aus der „Flugmaschine“ eigentlich geworden? Wenn sie nicht – wie bei Toni Rothmund – in Flammen und Hosen aufging, wo ist sie dann gelandet? Es gibt dazu noch eine weitere schöne Geschichte: In einem Beitrag aus den frühen 1970er Jahren ist davon die Rede, dass „der funktionierende Flugapparat“ nach Meerweins Heldentaten Ende des 18. Jahrhunderts noch mehr als 100 Jahre auf dem Emmendinger Dachboden eines Nachfahren gelegen hat. Erst dann sei der „Vogel“ aus Platzgründen entsorgt worden.

Mehr als 100 Jahre später? Wenn den mal nicht Otto Lilienthal gekauft hat…

P.S.: Ulrich Niemann, von 1988 bis 2004 Oberbürgermeister von Emmendingen, hat im Jahrbuch des Landkreises Emmendingen von 2009 ein größeres Stück zum Flugpionier Carl Friedrich Meerwein verfasst. Mit der Legendenbildung, die mit Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzt, setzt er sich sehr kritisch auseinander. Die Ausführungen des Aerobuzz-Mitarbeiters aus der Zeit nach dem Tode Meerweins basieren größtenteils auf den Recherchen Niemanns. Für den Ex-Bürgermeister ist die Sache jedenfalls klar: „Die Geschichte ist ein schönes Beispiel für die Entstehung historischer Legenden – von der fiktiven Novelle zur breiten Streuung in Veröffentlichungen aller Art. Der erste Flieger war Meerwein nicht – aber ein phantasiebegabter und wichtiger Mann der Region, dem das Hachberger Land einiges zu verdanken hat.”

Meiko Haselhorst

 

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Über Meiko Haselhorst

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Meiko Haselhorst wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzege und fürs Fliegen lebt der zweifache Vater zuweilen auf Reisen und an der Tastatur aus.

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