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Luftfahrtmuseum Wernigerode rettet Boeing 747-200-Simulator

Das Luftfahrtmuseum in Wernigerode am Harz ist um eine Attraktion reicher: Es hat jetzt den letzten Boeing 747-200-Simulator der Lufthansa vor der Verschrottung gerettet. Er ergänzt nun die Sammlung des Museums, die neben vielen anderen interessanten Luftfahrt-Exponaten bereits einen Bell UH-1D- und einen Bf 109-Simulator umfasst.

31.05.2021

Der Boeing 747-200-Simulator verlässt Hamburg in Richtung Wernigerode. © Jan Frieben

Wer kennt sie nicht, die Boeing 747-200? Sie verfügte neben der 747-300 über das letzte Dreimann-Cockpit (zwei Piloten und ein Flugingenieur) in der Entwicklung des Jumbo Jets. Viele Jahre lang war sie das Flaggschiff der Deutschen Lufthansa. Die letzte 747 mit Dreimann-Cockpit der Lufthansa wurde im Dezember 2004 bei der Lufthansa Cargo ausgemustert .

747-200-Simulator in Wernigerode

Um die Qualifikation von Cockpitbesatzungen herzustellen und aufrecht zu erhalten, bedarf es für alle Verkehrsflugzeuge eines Simulators, in dem normale und abnormale Verfahren trainiert werden können. Das heißt, das Abhandeln eventueller technischer Fehler im Flugzeug und fiktiver Gefahrensituationen. Die Schulung der Piloten und Flugingenieure im Simulator ist nicht nur effektiv, sondern schont auch die Umwelt, da zigtausende von Trainingsstunden darin abgewickelt und so Trainingsflüge weitgehend vermieden werden können. Mindestens vier Mal pro Jahr musste jedes Cockpitmitglied ein vierstündiges Trainings- und Prüfungsprogramm im Simulator bewältigen. Er Simulator wurde in fünf Schichten pro Tag betrieben.

Mehrere Jahre lang eingelagert

Engagierte Mitarbeiter der Lufthansa und der Lufthansa Technik in Hamburg waren sich des ideellen Wertes des Boeing 747-200-Simulators bewusst, als er bei der Lufthansa Flight Training ausgemustert wurde. Viele Jahre konnte er bewahrt und in Hamburg eingelagert werden um ihn, – wie viele andere seltene Teile –, für ein späteres, erhofftes Museum der Lufthansa aufzuheben.

Die gegenwärtige Luftfahrtkrise droht vielen museumswerten Ausstellungsstücken der Luftfahrt aber zum Verhängnis zu werden. Wieder waren es die engagierten Mitarbeiter und Luftfahrtenthusiasten, die sich unter anderem für die Rettung dieses Simulators einsetzten und mit dem Luftfahrtmuseum Wernigerode im Harz einen angemessenen Alterssitz für den wohl letzten verfügbaren Simulator für die Boeing 747-200 in Europa fanden.

Es sind in diesen Zeiten fast ausschließlich Initiativen begeisterter Einzelner und kleiner, meist privater Teams, Vereine und Museen, die sich dem Erhalt von erhaltenswerten Objekten der Vergangenheit widmen und damit auch großen Konzernen vormachen, dass Krisenzeiten nicht gleichbedeutend sein müssen mit Vernachlässigung der Geschichte dieser Unternehmen und ihrer erhaltenswerten Objekte.

Die Bereitschaft und Freude des Museums-Eigentümers Clemens Aulich, dieses seltene Ausstellungsstück aufzunehmen und publikumswirksam auszustellen ist daher umso höher zu bewerten. Es ist eine Investition in die Zukunft des Luftfahrtmuseums Wernigerode, durch gesteigerte Attraktivität, Bewahrung historischer Objekte und damit auch Sicherung der vorhandenen Arbeitsplätze, die der Eigentümer in dieser Corona-Krise ohne staatliche Unterstützung erhalten hat.

Per LKW von Hamburg nach Wernigerode

Schon am 19. Mai wurde der Simulator in mehrstündiger Arbeit in der Hamburger Lufthansa-Werft sorgfältig auf einen Sattelschlepper geladen. Um Mitternacht startete der Schwertransport Richtung Wernigerode. Keine alltägliche Aufgabe, denn diese seltene Ladung hatte eine Transportbreite von rund 4,5 Meter.

Das Wetter spielte mit, aber als Herausforderung stellten sich mehrfach Baustellen in Autobahnauffahrten heraus. Zahlreiche Begrenzungsbaken standen enger als angekündigt, sodass es zeitweise über mehrere hundert Meter nur im Kriechtempo voran ging, da die Baken versetzt und nach Passieren der Engstellen wieder zurück an ihren Platz gestellt werden mussten. Die Fahrer von Transporter und Sicherungsfahrzeug wurden so auch „sportlich gefordert“, da man den Verkehr nicht lange aufhalten wollte.

Nach Verlassen der Autobahn wenige Kilometer vor Wernigerode fuhr die Polizei als Begleitung vorweg, da die Überbreite erforderte auf zwei Spuren zu fahren. Um 4.00 morgens erreichte der Transport dann sicher das Museumsgelände.

Die Entladung stellte die Museumscrew noch vor einige Herausforderungen, da sie mit kleinerem Ladegerät als in Hamburg zurechtkommen mussten. Eng wurde es ein weiteres Mal, als man die Gasse zwischen zwei Hallen passieren musste, wobei seitlich nur wenige Zentimeter Luft verblieben. Dass dies ohne Schäden bewältigt wurde, ist dem Engagement und der Sorgfalt der Mitarbeiter zu verdanken. Die Transport- und Museumscrew haben allen Grund, auf die Neuerwerbung anzustoßen.

Derzeit bereitet sich das Luftfahrtmuseum Wernigerode darauf vor, seine Pforten ab dem ersten Juni-Wochenende wieder zu öffnen.

Äußerlich vielleicht zunächst nicht auffallend, aber innen umso beeindruckender ist dieser Simulator. Er gibt einen Einblick in den letzten Stand des Dreimann-Cockpits vor der digitalen Umwälzung in der Fliegerei. Es ist Faszination, die die Besucher(innen) angesichts dieses und der anderen interessanten Ausstellungsobjekte erfasst und einen Besuch des Luftfahrtmuseums Wernigerode lohnenswert macht. Die Betrachtung der technischen Entwicklungen der Vergangenheit ist es erst, die uns eine Weiterentwicklung in die Zukunft ermöglicht.

Jan Frieben

 

 

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Über Jan Frieben

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Jan Frieben kann auf eine lange Karriere in der Luftfahrt zurückblicken. Er hat als Dispatcher beim JaBoG 31 seinen Dienst geleistet, war am Medizinischen Institut der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt tätig, hat Flugzeugbau studiert und flog von 1980 bis 2004 bei der Lufthansa als Flugingenieur die Boeing 727, die Douglas DC-8 und die Boeing 747-200. Er war seit 2008 im Projektteam der Lockheed L-1649 Super Star und hat bislang rund 11.000 Flugstunden gesammelt. Er war nebenbei auch immer journalistisch tätig.

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