Manche Flugzeuge sind echte Legenden der Lüfte. Die „Tante Ju“ oder der „Jumbo-Jet“, um nur zwei zu nennen. Es geht aber auch ein paar Nummern kleiner: In Segelfliegerkreisen ist der Schulgleiter SG 38 eine solche Legende. Ein Einsitzer aus Holz, Drähten und Stoff, von dem zwischen 1938 und 1954 rund 10.000 Stück gebaut wurden. Die weitaus meisten davon wurden irgendwann zu Brennholz verarbeitet. Einige gibt’s aber noch. Und ein Exemplar ist – wenn auch nicht mehr flugfähig – tatsächlich noch im Besitz des kleinen Segelflugvereins „Wittekind“ Enger in Ostwestfalen.
Es ist ein paar Monate her, da fiel am dortigen Kleinbahnmuseum am Rande eines anderen Presse-Termins die Bezeichnung SG 38. „In irgendeiner Scheune soll hier noch so einer rumstehen“, wusste ein Mitglied des Museumsvereins, seines Zeichens Pilot, zu berichten. Der Lokalredakteur, großer Flugzeugfan, wurde hellhörig. Echt jetzt? Ein SG 38? In einer Scheune in Enger?
Wenn der SG 38 eines Tages restauriert ist, könnte ein Start mit ihm so aussehen. © Meiko Haselhorst
Für den Hintergrund: Der SG 38 war ein Schulgleiter für Anfänger, der in einer Phase der Fliegerei entwickelt wurde, in der man sich sicher war: Wer das Fliegen erlernen will, sollte von Anfang an alleine im Flugzeug sitzen. Nur auf diese Weise, so die damalige Philosophie, bekommt man das richtige Gefühl fürs Fliegen.
Beim SG 38 sahen diese ersten Alleinflüge dann so aus: Eine Mannschaft aus 14 bis 16 Helfern, sogenannte „Gummihunde“, stand an zwei langen, am Flugzeug befestigten Gummiseilen auf einer Anhöhe und machte sich für einen echten Kraftakt parat. Hinten am Flugzeug standen noch zwei bis vier Helfer und hielten das Flugzeug so lange fest, bis besagte Gummiseile ordentlich auf Spannung waren. Und im Flugzeug saß der angehende Pilot und klammerte sich an den Steuerknüppel. Auf ein lautes Kommando rannten die Gummihunde dann den Abhang hinab und zogen das Flugzeug gegen den Wind hinter sich her – bis es abhob.
Die Flüge – eigentlich waren es eher Sprünge oder Rutscher – dauerten im besten Fall 10 bis 20 Sekunden. Die ganze Prozedur wurde meist so oft wiederholt, bis jeder Helfer – meistens waren auch sie noch absolute Fluganfänger – mindestens einmal in der Luft war. Da das Flugzeug nach jedem Flug auch wieder mühsam nach oben geschleppt werden musste, konnte schon mal ein ganzer Tag dabei draufgehen. Ein ziemlich anstrengender Tag obendrein.
Heute werden Segelflugschüler freilich anders ausgebildet, aber damals war die beschriebene Praxis in ganz Deutschland üblich. Auch für angehende Piloten aus Enger.
Die Bespannung der Tragflächen des SG 38 hat sehr gelitten und muss komplett erneuert werden – wie vieles andere des Flugzeugs auch. © Manfred Otte
Eine E-Mail an Manfred Otte, den Vorsitzenden des Vereins für Segelflug „Wittekind“ Enger, sollte Klarheit schaffen. Und sie wurde schnell beantwortet: „Ja, wir haben noch einen alten SG 38 eingelagert“, schreibt Otte. Das Flugzeug, so der Vorsitzende, sei früher unter dem Namen „Engerling“ geflogen. Der Zustand lasse allerdings stark zu wünschen übrig. „Der hat einige Jahrzehnte in der alten Lagerhalle von Heckewerth gelegen – und als die Halle abgerissen wurde, hat unser Werkstattleiter das Flugzeug zu sich genommen.“
Das verstaubte Cockpit des SG 38 mit Steuerknüppel, Pedalen und Sitz. © Manfred Otte
Nun liege es in einer Halle weit außerhalb der Stadt. Otte schickte auch ein paar Bilder des zerlegten Flugzeugs mit. Die Absicht des Werkstattleiters, so der Vereinsvorsitzende weiter, sei es damals gewesen, „wenn er Rentner wird, das Flugzeug neu aufzubauen“. Ob flugtüchtig oder nicht, sei mal dahingestellt. „Das Holz, die Bespannung und die Leimungen sind hinüber, aber um die alten Beschläge herum sollte ein neues Flugzeug entstehen.“ Das Ganze sei nun zehn Jahre her, aber der überfüllte Terminkalender eines Rentners habe noch keinen Spielraum für das Projekt hergegeben.
Was nicht ist, kann ja noch werden. Ein gewisser Aufwand würde sich lohnen. Immerhin handelt es sich um einen SG 38. Eine echte Legende der Lüfte.
Meiko Haselhorst
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