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Auf seinem jüngsten Wasserkuppen-Besuch errichtete unser Autor sein Nachtlager an einem ungewöhnlichen Ort – und bekam ein paar ungewöhnliche Einblicke.

23.03.2024

Hans Gutermuth als Puppe. Er wirkt nachts ein wenig unheimlich. © Meiko Haselhorst

„In leg’ mich jetzt hin. In den Keller gehen wir morgen. Guats Nächtle!“, sagt Peter Ocker und verschwindet in die Kemenate, in der sein Klappbett steht. „Guats Nächtle!“, wünsche ich zurück, nehme den letzten Schluck Rotwein aus meinem Glas und gehe in den großen Seminarraum, wo auch ich die Nacht auf einem Klappbett verbringen werde. Schon nach wenigen Minuten treibt’s mich wieder raus – ich muss noch mal aufs Klo.

Ein paar Stunden zuvor: Ich freue mich auf mein Treffen mit Peter Ocker, einem von drei Leitern des Deutschen Segelflugmuseums auf der Wasserkuppe. Auf dem Plan steht eine Besichtigung des Kellers mit all seinen kleinen Schätzen – und eine Übernachtung im Museum. „Bei schönen Flugzeuggeschichten und einer Flasche Wein“, hatte ich mir in meiner Mail an den Museumsleiter gewünscht.

Das Segelflugmuseum auf der Wasserkuppe versprüht nachts seinen ganz eigenen Charme. © Meiko Haselhorst

Schon nach fünf Minuten wird mir klar, dass alles etwas anders laufen wird: „Kommt Ihr mit uns ins Restaurant? Wir sind zum Essen eingeladen!“, fragt Uli Braune, ebenfalls Museumsleitung, im Vorbeigehen. Eingeladen hat der Vorstand des Vereins „Antik-Modellflugfreunde Deutschland“. Okay, wir sind dabei.

Gemütlicher Abend in „Peterchens Mondfahrt“

Etwas später in „Peterchens Mondfahrt“: Wir essen, wir trinken, wir reden – und ich erhalte von meinem Sitznachbarn Bernard Okrent interessante Einblicke in die Welt der „Luftwellengleiter“: winzige und superleichte Modellflieger, die man mit einem schräg gehaltenen Stück Pappe im selbsterzeugten Hangwind vor sich hertreiben kann. „Geht auch mit einem Pizzakarton“, sagt Okrent und zeigt mir ein entsprechendes Youtube-Video, das ihn während eines Workshops mit einigen lachenden Grundschülern zeigt.

Als wir recht spät aus dem Restaurant kommen, setzen Peter Ocker und ich uns noch ein wenig in die Museumsküche. Peter trinkt Cola, ich mache mir meine Flasche Wein auf. Schnell stellen wir fest, dass wir außer Flugzeugen noch eine weitere gemeinsame Leidenschaft haben: das Reisen. Wir erzählen uns unsere Abenteuer und merken kaum, wie die Zeit vergeht. Irgendwann sind wir uns einig, dass es Zeit fürs Bett wird. Den Besuch der „Schatzkammer“ und die ganzen Flugzeuggeschichten verschieben wir mal auf morgen.

Und da liege ich nun um kurz vor Mitternacht auf meinem Klappbett, denke über Luftwellengleiter nach – und stelle fest, dass ich noch mal raus muss. Ziemlich frisch ist es hier im Museum, so ohne Jacke und nur im Schlafanzug. Und dunkel. Die leuchtenden Exit-Schilder hüllen die Szenerie in ein sehr schummriges und gespenstisch-grünes Licht. Nur schemenhaft sind all die Flieger zu erkennen, die hier stehen und hängen. Gut, dass ich mein Smartphone dabei habe – ich erleuchte mir den Weg zu den Toiletten.

Eine beeindruckende Erscheinung – nächtlicher Otto Lilienthal auf Fotowand. © Meiko Haselhorst

Plötzlich schaut mich Otto Lilienthal an. Durchaus etwas streng, so als wollte er sagen: „Was haben Sie hier um diese nachtschlafende Zeit noch zu suchen?“ Die Erscheinung ist natürlich nur ein großes Foto auf einer Stellwand und der ernste Blick sicher nicht persönlich gemeint – aber um diese Uhrzeit und unter vier Augen im dunklen Museum wirkt mein frühes Kindheitsidol durchaus respekteinflößend.

Auf dem Klo war ich jetzt. „Aber wenn ich hier schon mal unterwegs bin, mache ich noch einen kleinen Rundgang“, denke ich bei mir und mache einen Abstecher in die Halle mit den etwas moderneren Segel- und Modellfliegern. „Ist das nicht dieses 2,8-Gramm-Modell, von dem mir Bernd Vogt erzählt hat?“, frage ich mich, als der Lichtkegel meines Handys auf ein sehr filigranes Flugobjekt fällt. Für einen Moment schaue ich mich nach einem Pizzakarton um, aber ich kann mich gerade noch zurückhalten.

Der nächste Morgen… Bernd Vogt – einer von drei Museumsleitern – mit einem 2,8-Gramm-Modell. © Meiko Haselhorst

Wieder zurück in der Halle mit den historischen Flugapparaten, lege ich an der „Besenstielkiste“ von Ferdinand Schulz noch einen kleinen Zwischenstopp ein. Diese Geschichte habe ich wirklich geliebt: Am Rhönwettbewerb 1923 durfte Schulz nicht teilnehmen, weil sein Einfachst-Flugzeug F.S.3 der Technischen Kommission (Teko) nicht ganz geheuer war. Und ein Jahr später legte er damit in Rossitten einen fast neunstündigen Weltrekord im Dauerflug hin. Im Geiste und im Schein meiner Smartphone-Leuchte sehe ich den Schuldirektor lachend auf seinem kleinen Sitzbrett hocken, davor auf der schmalen Kufe die verschränkten Füße, die Hände zum Steuern an den Besenstielen. Nur kurz lässt er los und winkt mir zu.

Begegnung mit einem Vampyr

Direkt unter der hängenden F.S.3 steht der „Vampyr“, jener legendäre Urvater aller modernen Segelflugzeuge. Sehr passend, jetzt um Mitternacht. Die Vampyr-Fans mögen es mir verzeihen, aber ich fand dieses Flugzeug nie besonders hübsch. Der dunkle Rumpf sah für mich immer wie ein schwerfälliger Einbaum aus, herausgehauen aus einem einzigen dicken Baumstamm. Instinktiv klopfe ich mit meinem Fingernagel auf die Flugzeugnase. „Tock, tock, tock“, macht es. Ist wohl doch Sperrholz. Und klingt fast so, als klopfe jemand von innen gegen einen Sargdeckel…

Hat sich dort gerade etwas bewegt? Ein Schatten? Muss Peter Ocker etwa auch noch aufs Klo? Die Hans-Gutermuth-Puppe auf ihrem Doppeldecker wirkt jetzt irgendwie etwas unheimlicher als bei Tage. Schaut sie mir hinterher? „Nachts passieren hier komische Dinge“, hatte Peter mir gleich zu Beginn unseres Treffens gesagt – und gelacht.

Erst jetzt merke ich, wie kalt mir mittlerweile ist. Nix wie zurück in den Seminarraum und auf mein Klappbett. Augen zu und schlafen. In den Keller gehen wir morgen. „Guats Nächtle!“

Meiko Haselhorst

 

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Über Meiko Haselhorst

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Meiko Haselhorst wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzege und fürs Fliegen lebt der zweifache Vater zuweilen auf Reisen und an der Tastatur aus.

2 Kommentare

  • Georg Schwab

    Hallo Meiko,
    wieder mal ein sehr schöner Bericht, ich kann mir die etwas seltsamen Empfindungen sehr gut vorstellen, so mit einer kleinen Lichtquelle und dann den tanzenden Schatten und Lichteffekten, ich hoffe du hast dann trotzdem noch gut geschlafen!
    Gruß und bis bald mal wieder bei den OSC’lern
    Georg

    • Meiko Haselhorst

      Hi Georg! Danke für deinen Kommentar. Und ja, ich habe in der Tat sehr gut geschlafen🙂 – und noch einen weiteren interessanten Vormittag im Museum verbracht (coming up next…). Bis dahin, Meiko

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