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Tupolew-Träume und Iljuschin-Illusionen

Flugreisen sind zurzeit nur in Ausnahmefällen möglich. Da kann man schon mal sehnsüchtig ins Jahr 2007 zurückschauen und ein afrikanisches Abenteuer Revue passieren lassen. Unser Autor hat genau das getan.

13.02.2021

Nur sechs Wochen, nachdem der Autor mit dieser 1985 gebauten Boeing 737-200 der TAAG Linhas Aereas de Angola flog, verunglückte sie auf einem Inlandsflug in Angola. © Meiko Haselhorst

Ein bisschen Stacheldraht. Ein Klapptisch und ein alter Küchenstuhl. Und ein Mann mit einem Stempel. Das war’s. Kein Gebäude, kein Flughafenschild. Um mich herum nur Sand, Steine und trockenes Gras. Und ein paar spärlich belaubte Bäume, in deren Schatten ich auf das Flugzeug warte, das mich gleich von Benguela nach Huambo bringen soll. Mich und etwa 50 angolanische Soldaten. Wenn da nicht noch die zwei Nonnen säßen, die ebenfalls mitfliegen wollen, hätte ich womöglich ein mulmiges Gefühl. So aber freue ich mich auf die Erfüllung meines langgehegten Tupolew-Traums. Oder wird’s ein Antonow-Abenteuer?

Flugzeug-Veteranen in Angola

Zwei Wochen zuvor: Ich will einen Freund in Luanda besuchen. Da mir ein Direktflug zu teuer ist, fliege ich ins namibische Windhoek und mache mich von dort auf den Weg in die angolanische Hauptstadt. Zunächst mit der Bahn. Auf der nächtlichen Fahrt muss ich mehrmals staunen, wie sehr ein Zug wackeln und schwanken kann, ohne zu entgleisen. Ich rutsche auf meiner Holzpritsche hin und her, stoße mir den Kopf und friere – die Fenster lassen sich nicht schließen und in der Wüste kann es nachts verdammt kalt werden. An Schlaf ist kaum zu denken.

Am frühen Morgen kommen wir in Otjiwarongo an, von der Grenze sind wir noch weit entfernt. Nach stundenlanger Busfahrt landen wir in Tsumeb, von dort geht’s auf eine weitere sechsstündige Fahrt bis an die Grenze. Im angolanischen Ondjiva steige ich in einen klapprigen und völlig überladenen Bus, der mich ins knapp 400 Kilometer entfernte Lubango bringen soll. Tut er auch. Er braucht dafür allerdings 23 Stunden – die ich wieder ohne Schlaf auf einem kaputten Plastiksitz direkt überm Radkasten verbringe. Bei Myriaden von Schlaglöchern und Schlammpfützen kein Vergnügen.

Einen weiteren Tag später – zwischendurch habe ich einer Pension 14 Stunden am Stück geschlafen – komme ich mit dem Bus in Luanda an und verbringe in diesem Moloch zwei interessante Wochen – wenn auch nicht „schön“ im klassischen Sinne. Nach meiner qualvollen Anreise habe ich längst die Entscheidung getroffen, für den Rückweg nach Namibia das Flugzeug zu nehmen. Oder besser gesagt: mehrere Flugzeuge. Ich will mir schließlich noch ein paar andere Orte angucken, womöglich sogar ein paar Tage Strandurlaub machen.

Der Airport hat eine Aussichtsterrasse

Zwei halbe Tage meines Luanda-Aufenthalts verbringe ich auf der Aussichtsterrasse des internationalen Flughafens – auf der ein Orangensaft umgerechnet 12 Euro kostet. Egal, das ist es mir wert. Ich bin zwar kein wirklicher Planespotter, aber ich find’s trotzdem hochinteressant: Vor allem die alten russischen Propellerflugzeuge, die überall herumstehen und von denen einige auch durchaus noch abheben – und meist eine lange Rauchfahne hinter sich herziehen. Mein alter Kindheitstraum, mal mit einer solchen Maschine zu fliegen, wird wieder wach. Vielleicht, so meine Hoffnung, ziehe ich auf dem Rückweg ja das große Los.

Fotos darf ich hier am Flughafen leider nicht machen – höchstens heimlich. Das ist im ganzen Land so. In der Hinsicht ist man im spionage-geprägten Angola äußerst empfindlich. Die allgegenwärtigen Sicherheitsbeamten lassen einen kaum aus den Augen.

Dann ist es soweit: Zunächst soll es von Luanda nach Benguela gehen. „Das Flugzeug ist kaputt – kommen Sie bitte morgen wieder“, heißt es nach vierstündiger Wartezeit im Terminal für Inlandsflüge – weitaus weniger modern als der internationale Teil des Flughafens. Statt mich darüber zu ärgern, freue ich mich. „Es ist bestimmt eine dieser alten Klapperkisten!“, sage ich zu meinem Freund, als wir abends noch mal beim Bierchen zusammen am Tisch sitzen. „Ich verstehe dich einfach nicht, ich würde lieber mit einer modernen Maschine fliegen“, sagt er und lacht. Theoretisch hätte ich am Flughafen ja fragen können, mit welchen Flugzeugen man die Strecke bedient. Hab‘ ich aber nicht – ich möchte meinen Traum lieber noch ein wenig weiterträumen.

Von 1990 bis 2006 fog diese Embraer EMB 120 Brasilia für die Atlantic Southeast Airlines (ASA) in den USA, danach war sie bis 2017 bei der Air 26 in Angola im Einsatz. © Meiko Haselhorst

Am nächsten Tag ist er dann ziemlich schnell ausgeträumt: Das Flugzeug ist wieder flottgemacht, es handelt sich um eine kleine Embraer EMB 120 Brasilia. Der Flug ist völlig unspektakulär, dafür ist Benguela der erste wirklich hübsche Ort, den ich in Angola sehe. Sogar mein Wunsch nach einem schönen Strand wird mir hier erfüllt, die „Praia Morena“ kann sich wirklich sehen lassen. Ich verbringe ein paar schöne Tage.

Und der andere Wunsch?  Vielleicht klappt’s ja, wenn ich von Benguela nach Huambo fliege. Meiner Taktik beim Ticketkauf bleibe ich treu: Nicht fragen, welche Flugzeuge eingesetzt werden – das soll gefälligst eine Überraschung bleiben!

Am kleinen Flughafen von Benguela muss ich erst mal wieder ein paar Stunden warten, dann werde ich von einem Moped abgeholt. „Große Flugzeuge können hier nicht landen“, sagt mir der Fahrer. „Wir müssen auf eine alte Militärbasis fahren.“ – „Endlich mal wieder ein bisschen Abenteuer“, denke ich, während ich auf dem Rücksitz des Mopeds den Staub der Straße einatme.

Eine halbe Stunde später sitze ich mit den Soldaten und den zwei Nonnen in der Steppe. Plötzlich erfüllt ein lautes Dröhnen die Luft. „Nach Propellermaschine hört sich das aber nicht an“, brummle ich mir in den Zwei-Wochen-Bart. Mir schwant Böses. Und tatsächlich: Sekunden später rollt uns eine 737 der staatlichen TAAG Angola Airlines fast bis vor die Füße. Wieder nix.

Schade: Die DC-9 ist das älteste Flugzeug

Ich mache es kurz: Nach meinem zweiten Flug – die bergige Landschaft unter uns war durchaus hübsch anzusehen – lasse ich mich per Moped direkt in eine Art Reisebüro bringen, um meinen Weiterflug an die namibische Grenze zu organisieren. Und diesmal frage ich nach: „Sind die Flugzeuge alt?“  Der Mann hinterm Tisch schüttelt den Kopf: „Keine Sorge, wir fliegen 727 und DC-9.“ Das ist zwar durchaus alt, aber nicht so alt, wie ich gehofft hatte.

„Schade“, sage ich. Der Mann runzelt die Stirn. Ich erkläre ihm mein Anliegen. Der Mann lacht. „Dafür kommen sie ein bisschen zu spät“, erklärt er. „Die alten russischen Maschinen werden seit einigen Jahren nicht mehr für die zivile Luftfahrt genutzt, es hat zuletzt zu viele Unfälle gegeben.“ Die Flugzeuge, so sagt er mir noch, würden nur noch zum Transport von Fracht eingesetzt. Und Soldaten flögen ab und an auch noch damit.

Eine Rekrutierung ist für mich kein Thema. So fliege ich einige Tage später ein drittes und letztes Mal durch den Himmel über Angola – mit einer DC-9 der Air Gemini. Nix mit Antonow-Abenteuer oder Tupolew-Traum. Nur eine Iljuschin-Illusion. Was soll’s – manche Träume bleiben halt immer Träume. Und sind dann nicht selten sogar schöner.

Meiko Haselhorst

 

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Über Meiko Haselhorst

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Meiko Haselhorst (46) wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzege und fürs Fliegen lebt der zweifache Vater zuweilen auf Reisen und an der Tastatur aus.

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