Im Hubschrauber sitzen keine Techniker oder Ingenieure, um ihren Arbeitsplatz auf isolierten Bohrplattformen weit abseits der Küste zu erreichen. Stattdessen haben es sich zwei Kinder und acht Erwachsene in der geräumigen Kabine gemütlich gemacht. Keiner von ihnen hat jemals ein spezielles Notfalltraining absolviert, wie es für Arbeiter unterwegs zum Offshore-Einsatz Vorschrift ist. Anstelle von unbequemen Überlebensanzügen reicht für die Passagiere normale Alltagsbekleidung völlig aus. Nur ein Gehörschutz ist obligatorisch, weil beide Triebwerke eine lautstarke Geräuschkulisse erzeugen. Im Dunkel der eisigen Polarnacht steuert die AW139 des Hubschrauberbetreibers Lufttransport AS ihre einsame Destination an. Für die 85 Kilometer lange Strecke zwischen Bodø und Værøy benötigt der Helikopter 20 Minuten. Jeden Montag bis Freitag gibt es zwei tägliche Verbindungen.
Ein 85 Kilometer kurzer Linienflug
Bodø ist die größte Stadt im Norden Norwegens. © Ralf Kurz
Nach der Landung auf dem Heliport von Værøy dauert die Abfertigung keine Viertelstunde bis zum Rückflug nach Bodø. Die Stadt ist Hauptstadt der norwegischen Region Nordland. Sie ist mit ihren 44.000 Einwohnern die einzige Metropole im dünn besiedelten Norden des Landes. Aber warum gibt es in Værøy keinen Airport, wie auf vielen anderen vorgelagerten Inseln der 2.500 Kilometer langen Küste von Norwegen?
Der Flugplatz wurde nach vier Jahren geschlossen
Tatsächlich besaß Værøy einmal einen Flugplatz, welcher aber gerade mal vier Jahre in Betrieb war. Damit hält er wahrscheinlich europaweit den Rekord mit der kürzesten Nutzungsdauer. Nach dem Absturz einer De Havilland DHC-6 von Widerøe am 12.April 1990 wurde er endgültig geschlossen. Als Unfallursache stellte sich heraus, dass aufgrund der manchmal extremen Sturmböen hier keine Flugzeuge landen können. Der Rumpf der besagten Twin Otter brach kurz nach dem Start regelrecht auseinander. Schon vorher gab es Zwischenfälle, die zeitweise zur Schließung des Airports führten. Heute ist das alte Terminalgebäude mit dem Kontrollturm in eine skurrile Übernachtungsstätte umfunktioniert worden. Als Alternative zur Fährverbindung nach Bodø, die drei Stunden dauert, entschied man sich zum Bau eines Heliports in windgeschützter Lage. Dieser wurde 1997 eröffnet und bietet den 700 Inselbewohnern eine zeitsparende Reiseoption, um auch bei schlechten Wetterverhältnissen sicher auf das Festland zu gelangen.
Die Lufttransport AS hatte lange Jahre auch diese AS365 von Airbus Helicopters in ihrer Flotte. © Ralf Kurz
Das schon 1951 gegründete Luftfahrtunternehmen Lufttransport befindet sich seit 2008 im vollständigen Besitz der Knut Axel Ugland Holding. Vorher gab es mehrere Wechsel der Eigentümerstruktur, wie es im norwegischen Hubschraubermarkt recht häufig vorkommt. Zuletzt konzentrierte man sich auf Ambulanzflüge, den Linienverkehr zwischen Bodø und Værøy, sowie dem Einsatz zweier Dornier 228 auf Spitzbergen, der Hauptinsel des Svalbard-Archipels im Nordpolarmeer. Am Flughafen von Longyearbyen sind ständig die 1989 gebaute Do 228-202K mit dem Kennzeichen LN-LYR, sowie die modernere, als LN-LTS registrierte Do 228-212NG, stationiert. Beide Maschinen fliegen regelmäßig zum Minencamp Svea, zur Forschungsstation Ny-Alesund und werden auch von der Küstenwache genutzt.
Diese Dornier 228 ist schon 36 Jahre alt und fliegt noch immer im hohen Norden Norwegens und auf Spitzbergen. © Ralf Kurz
Das Hauptgeschäft aller Hubschrauberaktivitäten in Norwegen ist die Versorgung und der Transport zu den Offshore-Plattformen weit draußen im Nordatlantik. Bislang dominierte CHC Helikopter Service (CHC) , nationaler Ableger des global tätigen Mutterkonzerns aus Kanada, den norwegischen Markt für diese Flüge. Mit rund 200 Hubschraubern im weltweiten Einsatz gilt Helikopter Service in der Branche als Nummer Zwei hinter der Bristow Group aus Houston im US-Bundesstaat Texas. In Norwegen ist CHC Platzhirsch im lokalen Offshore-Business. Bisher kamen dort schon 24 unterschiedlich registrierte Sikorsky S-92A, zum Einsatz.
Doch seit kurzem scheint die unangefochtene Monopolstellung von CHC Helikopter Service in Gefahr. Dem Energiegiganten Equinor – vormals Statoil mit einem Jahresumsatz von etwa 100 Milliarden Dollar – sind die Sikorsky S-92A offensichtlich zu teuer. Das italienische Konkurrenzmodell Leonardo AW189 ist sowohl hinsichtlich der Betriebskosten als auch im Anschaffungspreis deutlich günstiger. Zwar finden in ihm bei typischen Offshore-Einsätzen statt 19 nur 16 Passagiere Platz, aber mit einem Listenpreis von rund17 Millionen Dollar liegt er um 10 Millionen Dollar unter dem des amerikanischen Rivalen.
Diese AW139 fliegt im Liniendienst zwischen Bodø und Værøy. Sie trägt den Namen der Insel am Bug und wird in Bodø gewartet. © Ralf Kurz
Genau der richtige Zeitpunkt für Lufttransport ins lukrative Offshore-Geschäft einzusteigen. Jetzt zahlt es sich aus, vor zehn Jahren auf das kleinere Muster Leonardo AW139 für 15 Passagiere gesetzt zu haben. Damals wurde CHC Helikopter Service bei der Ausschreibung für den Liniendienst zwischen Bodø und Værøy abgelöst. Deshalb ist man nun in den Fokus der Milesstone Aviation Group geraten.
Die Firma ist das weltweit größte Leasingunternehmen für zivile Hubschrauber mit 300 Einheiten im Portfolio, welches alle Hersteller umfasst. Für Leonardo wiederum fungiert Lufttransport als optimaler Betreiber einer wachsenden Zahl von Mustern seiner Modellpalette im umsatzstarken Norwegen.
In einem ersten Schritt vereinbarten diese Akteure den sofortigen Einsatz von vier fabrikneuen Leonardo AW139 vom Festland. Aber Equinor benötigt das größere Modell AW189, von denen deshalb schon zwei Exemplare 2025 ausgeliefert wurden. Langfristig sollen insgesamt sieben AW189 für Equinor betrieben werden. Auch der Konzern Var Energi hat sich Lieferpositionen für zwei der stark nachgefragten AW189 gesichert. Schnell reagierte CHC Helikopter Service auf den plötzlichen Strategiewechsel. Zwar konnten kürzlich einige Sikorsky S-92A-Kontrakte verlängert werden. Doch für den Kunden Aker BP sollen erstmalig drei AW189, wie bereits in Australien, zum Einsatz kommen. Es bleibt also spannend im norwegischen Hubschraubergeschäft.
Großer Wettbewerb im hohen Norden
Von den großen Expansionsplänen bei Lufttransport bekommen die zehn Passagiere auf dem Flug LTR2 von Værøy zurück nach Bodø nichts mit. Die AW139 mit dem Kennzeichen LN-OLV hat erst kürzlich einen neue Lackierung erhalten. Wiederum in einem rot-weißen Farbschema, allerdings jetzt ohne den Taufnamen Værøy. Zumindest auf der als LN-OLK registrierten Schwestermaschine ist der passende Inselname am Cockpit erhalten geblieben.
In Bodø sind viele unterschiedliche Hubschrauber anzutreffen. Hier eine Bell 205A des norwegischen Betreibers Fonnafly Helifly.© Ralf Kurz
Sicherlich denkt das Management nun in anderen Dimensionen. Denn die beiden ersten AW189, in einem unüblich blauen Anstrich, tragen die Buchstabenkombination LN-OEA sowie LN-OEB . Ein Hinweis auf die Erfolg versprechende Zukunftsperspektive. Im Anflug auf Bodø haben beide Piloten jetzt im Dezember eine besondere Orientierungshilfe. Jetzt ist es nördlich des Polarkreises fast 23 Stunden lang dunkel, nur gegen Mittag zeigt sich etwas Tageslicht. Noch vor Auftauchen der Runway-Befeuerung erstrahlt das durch Flutlicht hell erleuchtete Aspmyra-Stadion am Horizont. Es ist die Spielstätte des FK Bodø/Glimt, dem kleinen, aber derzeit besten norwegischen Fußballclub.
Das Aspmyra-Stadion des norwegischen Fußballvereins des FK Bodø/Glimt, der in der Saison 2025/2026 in der Champions League sensationell spielte. Das Stadion ist für die Hubschrauber im Winterhalbjahr ein guter Navigationspunkt. © Ralf Kurz
Während der aktuellen UEFA Champions League konnte Borussia Dortmund im heimischen Signal Iduna Park vor 81.365 Zuschauern nur mit Mühe ein blamables Unentschieden gegen den Außenseiter aus Norwegen über die Zeit retten. Bei europäischen Topteams ist der hart gefrorene Kunstrasen in Bodø gefürchtet, auch wenn im Stadion lediglich 8.270 Fußballfans Platz finden.
Eine AS350 B2 der Arctic Aviation im Hangar in Bodø. © Ralf Kurz
In einem Hangar am Flughafen Bodø bereitet sich gerade ein Newcomer der norwegischen Helikopterszene auf seinen Betriebstart vor. Unter dem Namen Arctic Aviation verbirgt sich die Firma Fonnayfly Helifly unter neuem Markenauftritt. Eine AW119 sowie zwei Airbus Helicopters AS350 präsentieren sich dort frisch lackiert in einem attraktiv-gelben Farbkleid. Fest steht, für richtige Hubschrauberfans wird es in Norwegen niemals langweilig werden.
Ralf Kurz
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