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GIFAS und BDLI suchen einen engeren Schulterschluss

Die französische und die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie wollen künftig noch enger zusammenarbeiten. Der französische Industrieverband GIFAS ist momentan mit einer großen Delegation unter der Leitung des GIFAS-Präsidenten Guillaume Faury in Deutschland, um weitere Möglichkeiten der Kooperation, vor allem auch bei kleinen und mittelständischen Unternehmen beiderseits des Rheins, zu erkunden.

15.11.2022

GIFAS-Präsident Guillaume Faury (li.) und BDLI-Präsident Dr. Michael Schöllhorn sehen die deutsch-französische Kooperation als Motor für eine weitgehende europäische Zusammenarbeit in der Aerospace-Industrie an. © V. K. Thomalla

Der französische Industrieverband GIFAS (Groupement des Industries Françaises Aéronautiques et Spatiales) und der BDLI (Bundesverband der Deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie) verfolgen das Ziel, dass ihre Mitgliedsunternehmen künftig noch enger kooperieren als es heute der Fall ist. In dieser Woche ist deshalb eine große Delegation der GIFAS mit Vertreterinnen und Vertretern von 57 französischen Firmen in Deutschland und informiert sich an verschiedenen Luft- und Raumfahrtstandorten über Kooperationsmöglichkeiten.

Die GIFAS hat 432 Mitgliedsunternehmen mit einem derzeitigen Jahresumsatz von rund 55 Milliarden Euro, berichtete Guillaume Faury, der GIFAS-Präsident bei einem Pressegespräch in Berlin. Vor COVID habe der Umsatz bei rund 70 Milliarden Euro gelegen. Bei den GIFAS-Mitgliedern waren Ende 2021 rund 190.000 Mitarbeiter beschäftigt. „2022 werden es signifikant mehr Mitarbeiter sein,“ so Faury, „denn wir stellen in großem Maß ein.“

Der BDLI vertritt 240 Firmen mit über 100.000 Beschäftigten und einem jährlichen Umsatz von derzeit 31,4 Milliarden Euro.

Stärkere Kooperation gewünscht

„Wir brauchen eine stärkere Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich, sowohl in der Industrie als auch in der Politik“, sagte Faury. „Es steht viel auf dem Spiel.“ Die Industrie sieht sich derzeit mehreren Herausforderungen ausgesetzt. Faury nannte unter anderem den Neustart nach den Einbrüchen durch die COVID-Pandemie, den Produktionshochlauf bei den Single-Aisle-Mustern bei Airbus auf bis zu 75 Einheiten pro Monat, die Unterbrechung der Lieferketten und die Anstrengungen zur Dekarbonisierung der Luftfahrt. Die französisch-deutsche Kooperation sei das Herzstück, um die Herausforderungen zu meistern.

Er erinnerte auch daran, dass die Europäer in einem harten Wettbewerb mit den USA und China stehen. In den Branchen Raumfahrt und ziviler Luftfahrt habe man in Europa eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Zwar habe es bei der deutsch-französischen Zusammenarbeit als Motor der europäischen Kooperation auch Fehlzündungen gegeben, aber man sei Teil der Lösung und nicht des Problems.

Angesprochen auf die Probleme bei dem Future Combat Air System (FCAS), das Frankreich, Deutschland und Spanien gemeinsam entwickeln wollen, sagte BDLI-Präsident Dr. Michael Schöllhorn, es gebe keine Alternative zu FCAS. Und Faury stimmte ihm zu, er sei zuversichtlich, dass der nächste Vertrag zu FCAS-Phase 1B – das in Frankreich SCAF heißt – noch in diesem Jahr unterschrieben werde.

BDLI und GIFAS sind zuversichtlich, dass der FCAS-Vertrag für die Phase 1B noch 2022 unterschrieben wird. © Airbus

Faury sagte: „Die Komplexität dieses Programms darf nicht unterschätzt werden. Man habe drei Partner auf der politischen und der industriellen Ebene, und die kommen zusammen. Wir sehen das Programm auf einem guten Weg.“

Schöllhorn ergänzte: „Der Eurofighter wird fliegen bis FCAS kommt. Und das gilt auch für die Rafale. Wir haben uns die Zeit genommen, die notwendig war, um zu sehen, was machbar ist. Es ist auf jeden Fall besser, jetzt die Diskussionen zu führen als in zwei Jahren, wenn wir mitten im Programm, über diese Probleme zu stolpern. Die Argumente, dass Teile des Programms nicht ausreichend deutsche oder französische Interessen berücksichtigten, gehörten dazu. That’s the name of the beast.“ Schöllhorn fürchtet bei einem Scheitern von FCAS den Verlust von europäischer technologischer Unabhängigkeit. „Es gibt keine Alternative zur europäischen Kooperation. Kein Land könne solche Programme allein bewältigen“, so der BDLI-Präsident.

Fachkräftemangel plagt die Branche

Eine engere Kooperation zwischen BDLI- und GIFAS-Firmen kann auch beim Thema des Fachkräftemangels hilfreich sein, denn den spüren beide Verbände schon heute und erwarten, dass er sich in den nächsten Jahren noch verschärfen kann. Christophe Cador, Mitglied des Boards der GIFAS, sagte, der Verband habe die Initiative „L’Aéro recruite“ gestartet, denn das Thema Fachkräftemangel habe schon vor der COVID-Krise gezeigt. In Frankreich seien industrielle Arbeitsplätze nicht so populär. Man müsse das Mindset der Menschen verändern und ihnen zeigen, wie vorteilhaft es sei, in der Luftfahrt- und Verteidigungsbranche zu arbeiten.

Die französischen Firmenvertreter werden noch mehrere Tage in Deutschland bleiben und auf potenzielle Kooperationspartner treffen. Gemeinsame Themen und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit gibt es mehr als genug. Schon auf der nächsten Paris Air Show in Le Bourget im Juni nächsten Jahres wollen die beiden Verbände erste neue Kooperationen vorstellen.

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er wurde 2021 mit dem Aerospace Media Award (Kategorie Business Aviation) ausgezeichnet. Er berichtet seit über 35 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla war zwischen 2016 und 2020 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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