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Schnipp, schnapp, Flügel ab

Flugzeuge, die eigentlich noch eine längere Lebensdauer vor sich gehabt hätten, wurden durch die Coronakrise von heute auf morgen obsolet. Zu Hunderten stehen sie derzeit auf verschiedenen Abstellplätzen herum. Einige werden sicher wieder in den Flugbetrieb zurückkehren, auf könnte mit „More Aero“, eine Firma warten, die seit fast einem Jahrzehnt Flugzeuge zerlegt.

14.08.2020

Auch das Verschrotten eines Flugzeugs folgt einem genauen Plan. Hier zerstören zwei Bagger einen Airbus A340-600. © More Aero

„Am besten schicke ich Ihnen mal einen kleinen Imagefilm“, sagt Marc Keske am Telefon. „Dann können Sie sich eigentlich schon vorstellen, was wir so machen.“ Besagter Kurzfilm zeigt im Zeitraffer die Demontage eines chinesischen Airbus A340-600 auf dem Flughafen von Parchim. Schnipp, schnapp, Flügel ab. Und alles andere auch. Als wär’s Papier. Bis nichts mehr übrig ist vom Flugzeug. Nichts für Fliegerromantiker. Aber Marc Keske verdient damit seit einigen Jahren sein Geld, die Aktion in Parchim war ein Großauftrag im Jahr 2019.

Das Ende eines Flugzeugs

Von Corona wusste zu dem Zeitpunkt noch keiner etwas. Und? Wirkt sich die Krise in der Luftfahrt auf Marc Keskes Business positiv aus? „Die Zahl der Anfragen steigt deutlich“, sagt Keske. Vieles davon sei allerdings (noch) unverbindlich. Noch, so Keske, wisse halt keiner so richtig, wie es in der Luftfahrt weitergehen wird.

Ausgediente Flugzeuge demontiert der seit vielen Jahren in der Entsorgungs- und Recyclingbranche tätige Marc Keske schon seit 2011. Zunächst, so der 50-Jährige, waren es ein paar Kleinflugzeuge. Mit zwei Boeing 737 in Kuala Lumpur bekam das Projekt dann eine andere Dimension. “Das Aluminium-Granulat aus Malaysia steht heute noch in ein paar Einmachgläsern in meinem Büro”, sagt Keske und lacht.

2016 gründete er das Unternehmen “More Aero” mit Sitz in Hamburg. Vier Beschäftigte stehen dort in Lohn und Brot. „Je nach Auftrag holen wir aber noch weitere Leute mit ins Boot“, sagt Keske. Seit Gründung von More Aero arbeitet er fest mit Gregor Zenkner vom Karlsruher Recycling-Unternehmen Cronimet zusammen. „Der Legierungsspezialist“, sagt Keske.

Und wie nimmt man ein Flugzeug nun fachgerecht auseinander? „Zuallererst müssen natürlich alle Schadstoffe raus“, sagt Zenkner.„Dämmstoffe und Feuerlöscheinrichtungen, Kerosin und Hydraulikflüssigkeit.“ Bei den ganz alten Maschinen, so ergänzt Keske, finde man sogar abgereichertes Uran als Ausgleichsgewichte. Alle Gefahrenstoffe, so Keske, kämen in einen mobilen Spezialcontainer.

Schrottscheren beißen in den Rumpf

„Erst dann können wir mit unseren schweren Maschinen und den Schrottscheren anrücken und alles zerschneiden“, erklärt er. An wiederverwertbarem Material seien natürlich in erster Linie die großen Mengen an Aluminium interessant, aber auch Titan, Kupfer und sogar Stahl spielten eine Rolle, sagt Zenkner. Die kleinen Flugzeugstücke würden dann per Lkw in Recycling-Anlagen transportiert und wiederaufbereitet.

Seit 2012 hat Keske knapp 20 Flugzeuge zerlegt, unter anderem auch Hubschrauber und sogar ein Segelflugzeug. Der jüngste Auftrag führte sie nach Parchim. Auf dem Airport mit dem morbiden Charme warteten zwei chinesische Airbus A340-600. „Gar nicht mal so alt“, wie Keske sagt. „Baujahr 2003, wenn mich nicht alles täuscht.“  Fahr- und Triebwerke und einen Teil der Elektronik hat der Besitzer noch in Gänze veräußern können, den Rest übernahmen Keske und Zenkner.

Wenn er sich den Imagefilm dieses Projektes anschaut, muss Keske einräumen: „Das sieht wirklich brutal aus.“ Man mag es kaum glauben: Beide Unternehmer bezeichnen sich als „absolute Flugzeugfans“. Marc Keske liebäugelt gar mit einer Pilotenlizenz. Und natürlich, so sind sich beide einig, tue es auch ein bisschen weh, „diese technischen Meisterleistungen einfach so zu zerstören“. Gregor Zenkner beschleicht manchmal sogar ein mulmiges Gefühl, wenn er einen Flieger besteigt. „Hoffentlich reden Flugzeuge nicht miteinander“, sagt er im Scherz. „Wenn sich rumspricht, was ich da den Freunden und Bekannten angetan habe…“

Kleiner Trost für Zenkner und alle Flugzeugromantiker: Aus dem gewonnenen Material könnte man theoretisch auch ein neues Flugzeug zu bauen. „Aber nur mit sortenreinen Legierungen“, betont Marc Keske. Der Mann kennt sich ganz offensichtlich nicht nur im Kaputtmachen aus.

Meiko Haselhorst

 

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Über Meiko Haselhorst

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Meiko Haselhorst (46) wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzege und fürs Fliegen lebt der zweifache Vater zuweilen auf Reisen und an der Tastatur aus.

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