Homepage » Luftverkehr » Boeing hat den ecoDemonstrator 2022 präsentiert

Boeing hat in Seattle seine Testplattform ecoDemonstrator auf Basis einer Boeing 777-200ER vorgestellt, mit dem das Unternehmen 30 Technologien testen wird, die das Fliegen sicherer, komfortabler und nachhaltiger machen. Aerobuzz konnte sich den ecoDemonstrator vor Ort anschauen.

19.06.2022

In einem Hangar am Boeing Field in Seattle rüsten Boeing-Techniker den ecoDemonstrator 2022 derzeit aus. © Volker K. Thomalla

Boeing feiert in diesem Jahr ein kleines Jubiläum: Seit zehn Jahren betreibt der Hersteller das ecoDemonstrator-Programm, mit dem Technologien getestet werden, die das Potenzial haben, das Fliegen sicherer, komfortabler und nachhaltiger zu machen. Mit Hilfe des ecoDemonstrator-Programms können diese Technologien zu einem sehr frühen Zeitpunkt an Bord eines richtigen Flugzeugs unter realen Bedingungen erprobt werden und zeigen, ob sie die Erwartungen erfüllen.

Bislang hat Boeing acht verschiedene Flugzeuge als ecoDemonstrator genutzt und mit ihnen 230 verschiedene Technologien getestet, sagte Mike Sinnett, Vice President und General Manager Product Development, bei Boeing. 2012 startet das Programm mit einer 737-800 von American Airlines, 2014 folgte eine 787-8 Dreamliner. 2015 stellte die TUI eine Boeing 757 als ecoDemonstrator zur Verfügung, im darauffolgenden Jahr setzte der Hersteller zum bislang ersten und letzten Mal mit der Embraer 170 ein Flugzeug eines anderen Herstellers im ecoDemonstrator-Programm ein. 2018 stellte FedEx eine fabrikneue 777F als Testplattform zur Verfügung, 2019 folgte eine 777-200, die unter anderem auch in Frankfurt zu eine Stippvisite vorbeischaute. 2020 nutzt der Hersteller eine 787-10 von Etihad Airways und 2021 eine 737-9 in Zusammenarbeit mit Alaska Airlines. Eine Boeing 777-200ER ist der neunte ecoDemonstrator und soll im Gegensatz zu den Vorgängern mehrere Jahre genutzt werden.

Bei dem Flugzeug mit der Line Number 422 handelt es sich um einer 777-200ER, die 2002 für Singapore Airlines (SIA) gebaut wurde und bei SIA bis 2018 flog. Danach übernahm Air New Zealand das von zwei Rolls-Royce Trent 892-Turbofans angetriebene Großraumflugzeug, setzte es aber nur ein Jahr ein. Surinam Airways erhielt den Widebody im November 2019, nur wenige Monate vor dem Ausbruch der Coronakrise, die die Airline zwang, das Flugzeug Anfang 2021 früher als geplant wieder an den Leasinggeber Boeing Capital Corporation zurückzugeben. Auf der Suche nach einer passenden Plattform für den Boeing ecoDemonstrator stießen die Projektverantwortlichen auf die geparkte 777-200ER als das ideale Flugzeug für die aktuelle ecoDemonstrator-Testkampagne. Die 777-200ER kam frisch aus einem C-Check.

Die Partner sind auf dem Rumpf zu sehen

Die Logos der großen Partnerunternehmen bei der ersten Testkampagne des diesjährigen ecoDemonstrators prangen auf dem Rumpf des Flugzeugs, das in San Bernadino in Kalifornien mit der Sonderfolierung versehen wurde: Neben Collins Aerospace sind die Namen Meggitt, Universal Avionics, Jamco und Diehl Aviation zu sehen. Sie gehören zu den Firmen, deren Technologien für die Testkampagne ausgewählt wurden. Mike Sinnett sagte, es hätten sich rund 100 Projekte um Aufnahme in das diesjährige ecoDemonstrator-Programm beworben. Zu den Auswahlkriterien für eine erfolgreiche Bewerbung gehörten die Reife der Technologie, die grundsätzliche Zulassbarkeit und ob die Technologie in das aktuelle Testprogramm passe. „Es gibt auch Platz für Innovationen von Firmen, die nicht schon Zulieferer von Boeing sind“, antwortete Sinnett auf die Frage von Aerobuzz. „Wir suchen mit dem ecoDemonstrator nicht den Grand Slam“, so Sinnett. Man wolle kleine Verbesserungen identifizieren und mit Hilfe des Programms schneller in die Serienflugzeuge bringen als es üblicherweise möglich sei.

Zu den Technologien, die Boeing in der erstem rund sechs Monate dauernden Testkampagne erproben wird, gehören nach Angaben von Sinnett intelligente Vortex-Generatoren auf der Flügeloberseite, die die Start- und Landestrecken verkürzen können. An diesem Projekt arbeitet Boeing zusammen mit der NASA.

Am ecoDemonstrator 2022 fliegen auch im 3D-Druck gefertigte Teile, wie beispielsweise eine Klammer in den Triebwerken und eine Abdeckung der Abgasführung der Hilfsgasturbine (APU) im Heck. Beide Teile sind leichter als die, die sie ersetzen und können mit einem geringeren Materialeinsatz produziert werden. Dadurch wird Abfall in der Produktion vermieden.

In Zusammenarbeit mit Universal Avionics werden die Crews des ecoDemonstrators neue Head-up-Displays testen, die nicht fest im Flugzeug verbaut sind, sondern von den Piloten als Datenbrille getragen werden. In dem Sichtfeld des Piloten werden dann nicht nur die wichtigsten flugrelevanten Daten angezeigt, sondern auch die Informationen des Enhanced Vision Systems (EVS), dessen Sensoren durch Nacht und Nebel sehen können.

Smarte Abwasser-Nutzung spart Gewicht ein

Von Diehl Aviation stammt ein Wasser-Einsparungssystem, das Abwasser vom Handwaschbecken für die Toilettenspülung nutzt. Dadurch können pro Flug über 181 Kilogramm Wasser eingespart werden. „Das entspricht dem Gewicht von zwei Passagieren“, zeigt Sinnett die Bedeutung dieser Technologie auf.

Mit Meggitt zusammen testet Boeing an Bord des aktuellen ecoDemonstrators einen Ersatzstoff für Halon 1301. Dieses Feuerlöschmittel ist extrem effektiv, aber auch klimaschädlich, weshalb es weltweit verboten wird. Es wird aber kein Feuer an Bord entfacht, um die Wirksamkeit des Ersatzmittels zu testen, sondern es werden ausschließlich Test durchgeführt, bei denen die Verteilung des Feuerlöschmittels im Frachtraum unter realen Bedingungen im Flug dokumentiert und nachgewiesen wird.

In eine ähnliche Richtung geht die Technologie, die Collins Aerospace an Bord des ecoDemonstrators bringt: Das Unternehmen wird an Bord des Widebodies ein neues Kühlmittel in der Galley des ecoDemonstrators testen, das nicht mehr klimaschädlich ist, aber das Potenzial hat, ähnlich effektiv wie die heute verwendeten Mittel Lebensmittel an Bord des Flugzeugs kühl zu halten.

Boeing hat seit 2012 im Rahmen des ecoDemonstrator-Programms über 230 verschiedene Technologien getestet und einigen dadurch den Weg in die Serienfertigung geebnet. © Volker K. Thomalla

Mit dem ecoDemonstrator setzt Boeing auch seine Forschungen und Tests mit nachhaltig produziertem Treibstoff (SAF) fort. Bereits 2018 hatte der Hersteller im Rahmen des ecoDemonstrator-Programms eine Boeing 777F auf einem Flug mit 100 Prozent SAF fliegen lassen.

Eine weitere Technologie bei der ersten Testrunde ist ein Waschraum, bei dem die Passagiere möglichst wenig Kontakt mit den Oberflächen bekommen. Außerdem führt Boeing die Tests mit der UV-Desinfektion von Waschräumen und Oberflächen an Bord des Flugzeugs fort.

ecoDemonstrator fliegt mit SAF

In diesem Jahr würden alle ecoDemonstrator-Flüge mit einer Mischung von 50 Prozent SAF und 50 Prozent konventionellem Treibstoff durchgeführt, vorausgesetzt, die Energieunternehmen könnten die geforderten Mengen liefern. Mike Sinnett sagte: „Wir wollen mit der Verwendung von SAF vor allem das Bewusstsein für SAF weiter steigern.“

Nach dem Einbau der Testausrüstung und der zu testenden Technologien wird der ecoDemonstrator zu einer ersten Testrunde starten, die rund sechs Monate dauern wird. Danach folge eine rund zwei Monate dauernde Umrüstung auf neue Testobjekte, bevor die 777 ecoDemonstrator die zweite Testkampagne aufnehmen werde, sagte Sinnett. Im Rahmen der mehrjährigen Nutzung des aktuellen ecoDemonstrators plane man auch, das Flugzeug auf Messen auszustellen.

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er wurde 2021 mit dem Aerospace Media Award (Kategorie Business Aviation) ausgezeichnet. Er berichtet seit über 35 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla war zwischen 2016 und 2020 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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