Homepage » Industrie » Rolls-Royce beendet Zusammenarbeit mit Boom Supersonic

Für das Programm des angestrebten Concorde-Nachfolgers Overture erlebt der Hersteller Boom Supersonic derzeit eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Zwar hat vor kurzem mit American Airlines eine weitere Fluggesellschaft dem Programm ihre Unterstützung gegeben, aber die Beendigung der Kooperation durch den Triebwerkshersteller Rolls-Royce ist ein nicht zu unterschätzender Rückschlag.

8.09.2022

Der Hersteller will die Overture zum größten Teil aus Faserverbundwerkstoffen bauen. © Boom Supersonic

Vor gerade erst einmal drei Wochen konnte das Unternehmen Boom Supersonic einen wichtigen Erfolg bei seinem Programm des geplanten 65 bis 80 Passagiere fassenden Überschall-Verkehrsflugzeugs Overture vermelden, als American Airlines einen mit nicht veröffentlichten Bedingungen versehenen Kaufvertrag über 20 Exemplare unterschrieb. Nun hat das – ohnehin von Verzögerungen geplagte – Programm einen bedeutenden Rückschlag erlitten: Der britische Triebwerkshersteller Rolls-Royce hat sich aus der Zusammenarbeit mit Boom Supersonic zurückgezogen.

Ein Sprecher von Rolls-Royce bestätigte gegenüber Aerobuzz: „Wir haben unseren Vertrag mit Boom abgeschlossen und verschiedene technische Studien für das Überschallprogramm Overture geliefert. Nach sorgfältiger Abwägung hat Rolls-Royce entschieden, dass der zivile Überschallmarkt derzeit keine Priorität für uns hat, und wird daher die Arbeit an dem Programm zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter verfolgen. Es war uns eine Freude, mit dem Boom-Team zusammenzuarbeiten, und wir wünschen ihm für die Zukunft viel Erfolg.“

Zusammenarbeit dauerte nur zwei Jahre

Rolls-Royce und Boom Supersonic haben seit August 2020 zusammengearbeitet, um Aspekte des Antriebssystems sowie die Integration des Antriebs in die Zelle zu untersuchen. Die Beendigung der Kooperation setzt Boom gehörig unter Druck, denn nun muss ein anderer Triebwerkshersteller in die Bresche springen, um Triebwerke für den geplanten, Mach 1.7 schnellen Concorde-Nachfolger zu liefern. Rolls-Royce hat als einer der beiden Hersteller der Concorde-Triebwerke Erfahrungen mit der Integration von Überschall-Triebwerken für zivile Anwendungen.

Die neue Konfiguration des Überschall-Verkehrsflugzeugs Overture soll nun von vier Triebwerken angetrieben werden. © Boom Supersonic

Erst im Juli dieses Jahres hatte Boom eine neue Konfiguration der Overture präsentiert. Das Flugzeug wird nun größer als bislang geplant und statt zwei sollen nun vier Treibwerke den Jet antreiben. Über Wasser soll Overture mit Mach 1.7 fliegen, über Land mit Mach 0.94 gerade unterhalb der Schallgeschwindigkeit. Die Reichweite für das geplante Flugzeug beziffert Boom Supersonic mit 4.250 nautischen Meilen (7.871 Kilometer).

Einen Standort für die „Overture Superfactory“, in der das Überschallflugzeug gebaut werden soll, hatte Boom Supersonic im Januar dieses Jahres bekanntgegeben: Die Wahl ist auf den Piedmont Triad International Airport in Greensboro im US-Bundesstaat North Carolina gefallen. Dort soll mit der Produktion der ersten Overture 2024 begonnen werden, 2026 soll der Erstflug der Overture ein neues Zeitalter des Luftverkehrs einläuten. Mit der Zulassung und der Aufnahme des gewerblichen Flugbetriebs der Overture rechnet das Unternehmen zum Ende dieses Jahrzehnts. Ob dieser Zeitplan nach dem Ausstieg eines so wichtigen Zulieferers wie des Triebwerksherstellers nun noch zu halten ist, darf bezweifelt werden.

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er wurde 2021 mit dem Aerospace Media Award (Kategorie Business Aviation) ausgezeichnet. Er berichtet seit über 35 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla war zwischen 2016 und 2020 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

1 Kommentar

  • daywalker

    Als Aerion sein Design geändert hatte, war das Ende vorhersehbar. Nun Boom. Wie bei Aerion viel Marketing – Blabla und Lautsprech! Der Testträger, zwar mit Rollout, aber immer noch ohne Erstflug. Und was will man damit testen? Überschall? Die Konfiguration und somit Aerodynamik ist nach der Änderung des Designs wenig aussagekräftig. Bis heute zeigen die Triebwerkshersteller wenig Interesse. Das einzige was Boom am Leben hält, sind die namhaften Hersteller aus der Luft-und Raumfahrt und das Interesse des US-Militärs. Einen Business-Case sehe ich hier ebenfalls nicht. Kleiner als die Concorde, Reichweite nur für den Atlantik, nicht Pazifik, Überschall nur über Wasser. Selten wird ein Luftfahrt – Projekt beim Erstflug so veraltet sein – NASA und Lockheed forschen am Überschallflug über Land. Warum sollte ich mir als Fluggesellschaft dann solch einen veralteten und limitierten Flieger in den Hangar stellen? Die Bestellungen der amerikanischen Gesellschaften scheinen Parallelen zur Concorde aufzuweisen – die anderen bestellen, wir müssen auch. Delta hat sich klar dagegen positioniert. Der Umweltschutzfaktor wird ein zusätzlicher, hemmender Faktor. Am Ende wird das Gesamtpaket nicht stimmig sein. Aerion konnte am Ende keine Finanzierung mehr auftreiben, wird hier wohl genauso kommen.

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