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Die Luftfracht steht vor einer harten Landung

Die Luftfracht ist noch eine strahlende Ausnahme im weltweiten Luftverkehr, da sie im Gegensatz zum Passagierluftverkehr nicht eingebrochen ist. Doch diese Sonderkonjunktur wird nicht mehr lange anhalten, und die Air-Cargo-Branche wird eine harte Landung erfahren. Die ersten Anzeichen für diese Entwicklung sind unübersehbar. 

31.05.2020

Der Flughafen Hahn im Hunsrück hat während der Coronakrise ein deutliches Wachstum des Luftfrachtaufkommens verzeichnet. Hier landet eine Boeing 747-400F der Polar Air Cargo auf dem Hahn. © Volker K. Thomalla

Die Luftfracht war in den ersten Wochen der Coronakrise gefragter als zuvor. Aufgrund der weltweiten Wirtschaftsentwicklung hat sich schon im vergangenen Jahr ein Rückgang des Luftfrachtaufkommens für 2020 abgezeichnet, auf das die Air Cargo Airlines mit einer Reduzierung von Kapazitäten reagieren wollten.

Doch zu Beginn der Krise wuchs der Bedarf an Luftfracht sprunghaft an. Grenzen waren geschlossen, Häfen fehlten die Arbeitskräfte, Logistikketten per Land- und Schiffsweg waren gefährdet. Der plötzliche riesige Bedarf an medizinsicher Schutzausrüstung erforderte einen schnellen Transport von der Herstellerländern in Asien – hauptsächlich China – in die Abnehmerländer in Europa und in Nordamerika.

Die Belly-Cargo-Kapazität fehlt

Zusätzlich fehlten die Frachtkapazitäten durch den Wegfall der Passagierflüge. Rund die Hälfte der weltweiten Luftfracht in den vergangenen Jahren flog in den Unterdecks der Passagierflugzeuge. Da diese nun ungenutzt am Boden standen, trugen reine Frachtflugzeuge die Hauptlast des Luftfrachtaufkommens. Fast alle großen Netzwerkcarrier bauten kurzerhand einen kleinen Teil ihrer Passagierflugzeuge zu temporären Frachtflugzeugen um, um den Bedarf an Frachtdienstleistungen decken zu können.

Doch das wird sich schnell ändern, dafür gibt es mehrere Gründe, und die Luftfracht wird noch in diesem Jahr eine harte Landung erleben. Die ersten Anzeichen dafür sind in der Monatsstatistik des Flughafenverbandes ADV für den April 2020 auch schon zu erkennen.

Der Bedarf an medizinischer Schutzausrüstung wird deutlich zurückgehen. Die Lager sind gefüllt, durch die weitere Eindämmung der Pandemie und sinkende Fallzahlen werden einfach weniger Atemmasken und Schutzkittel benötigt. Da die lokale Produktion von Schutzausrüstung in Europa und in Nordamerika derzeit hochfährt – und die Regierungen die Abhängigkeit von China in diesem Bereich kritisch sehen – wird der Transportbedarf dieser Güter nicht mehr vorhanden sein. Außerdem können diese Ausrüstungen dann auch per Container über den Seeweg zu den Abnehmerländern gelangen, wenn sich der Seetransport wieder stabilisiert hat. Da die Lager voll sind, besteht nur noch ein geringer Bedarf, die Schutzausrüstung per Lufttfracht zu holen.

In der Coronakrise haben die verbliebenen MD-11F der Lufthansa Cargo noch gute Dienste geleistet. Doch ihre Tage bei der Airline sind gezählt. © Volker K. Thomalla

Parallel zum Anlaufen des Passagierluftverkehrs sinkt der Bedarf an reinen Frachtflügen, da – wie zu Vor-Coronazeiten auch – ein beachtlicher Anteil der Luftfracht auf dem Frachtdeck der Passagierflugzeuge mitfliegen kann.

Die globale Wirtschaft steht in einer Rezession, dadurch sinkt automatisch das Luftfrachtaufkommen. Allein in der Eurozone soll nach Aussage der EU-Kommission die diesjährige Wirtschaftsleistung um 7,7 Prozent zurückgehen. Das wird nicht spurlos an der Luftfracht vorbeigehen, die derzeit noch eine Sonderkonjunktur erlebt.

Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) ist das Cargo-Aufkommen im April dieses Jahres bereits um 14,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen. „Das Luftfrachtaufkommen bleibt weiter hinter den Vorjahreswerten zurück, aber nicht in dem dramatischen Ausmaß wie der Passagierluftverkehr. An vielen Standorten ist aktuell das Aufkommen von adhoc-Frachtcharterflügen mit medizinisch notwendigen Hilfsgütern hoch. Ein Großteil der beförderten Luftfrachtmengen besteht aus benötigten Hilfs- und Schutzausrüstungen. Demgegenüber fehlen aktuell wichtige und langfristig nachhaltige Cargoaufträge aufgrund der eingeschränkten Produktionsketten in vielen Wirtschaftsbereichen“, schreibt die ADV in ihrem Monatsbericht. Wenn die medizinischen Schutzausrüstungen als Luftfracht entfallen – was in den nächsten Wochen zu erwarten ist – dann landet die Air Cargo-Branche hart.

Hahn verzeichnet ein Plus von 52 %

Das Luftfachtaufkommen variiert von Flughafen zu Flughafen extrem stark. Grundsätzlich kann man aber feststellen, dass die Großen verlieren – vor allem wegen der fehlenden Belly-Fracht – während die kleineren an Aufkommen gewinnen. Der Flughafen Hahn im Hunsrück beispielsweise konnte sein Luftfrachtaufkommen im April um 52 Prozent auf 16.848 Tonnen steigern, während München einen Rückgang von 82,5 Prozent, Frankfurt einen von 21,1 Prozent, Hamburg von 95,5 Prozent und Düsseldorf sogar einen von 98,3 Prozent verzeichnete.

Der Fracht-starke Flughafen Köln/Bonn kam aufgrund von UPS mit einem Rückgang von 1,3 Prozent im April mit einem „blauen Auge“ davon, während  der ebenfalls Fracht-aufkommensstarke Flughafen Leipzig-Halle sogar einer Steigerung der Luftfracht um 7,5 Prozent im April meldete.

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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