Homepage » Luftverkehr » Probebetrieb auf dem BER: Ein Blick hinter die Kulissen

Probebetrieb auf dem BER: Ein Blick hinter die Kulissen

Der neue Hauptstadtflughafens Berlin, BER, wird am 31. Oktober 2020 eröffnet. Die entsprechenden Genehmigungen liegen vor, derzeit finden noch die letzten Probe-Betriebstage statt, an denen das System Airport mit Komparsen auf Herz und Nieren geprüft wird. Aerobuzz war vor Ort und konnte einen ausführlichen Blick auf den Airport werfen, der Berlin künftig auf dem Luftweg mit der Welt verbindet.

10.10.2020

Die Vorfelder des BER werden derzeit zum Teil noch von eingemotteten Flugzeugen belegt, die wegen der Coronakrise nicht benötigt werden. © V. K. Thomalla

Es ist ausgerechnet der 8. Oktober, an dem einige Journalisten des Luftfahrt-Presse-Clubs (LPC) die Gelegenheit erhalten, dem neuen Flughafen der Bundeshauptstadt Berlin einen ausführlichen Besuch abzustatten. Der 8. Oktober 1992 ist der Todestag von Willy Brandt. Der Namensgeber des neuen Airports BER war von 1957 bis 1966 Regierender Bürgermeister von West-Berlin, 1969 bis 1974 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und hatte 1971 den Friedensnobelpreis erhalten. An ihn erinnert nicht nur ein großes Schriftzug auf der gläsernen Außenfassade des Terminals 1, auch der Platz vor dem Terminal ist nach ihm benannt, und ein großes Wandgemälde im Inneren des Airports zeigt ihn und ein Zitat, das auch auf den Luftverkehr zugschnitten sein könnte: „Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden das Wichigste sei, dann lautet meine Antwort: Freiheit.“

Hinter den Kulissen des BER

Draußen auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Terminal 1 sieht es an diesem 8. Oktober aber noch nicht nach baldiger Eröffnung aus: Bauzäune versperren die Eingänge zum Bahnhof, Bagger buddeln neben der Zufahrtstraße noch kleinere Löcher und Techniker ziehen Kabel durch unterirdische Kabelschächte. Das durchdringende Summen von Flex und Laubbläsern zeugt allerdings von weiterer Geschäftigkeit.

Rund um den Platz stehen verschiedene Kleinlaster, aus denen die Fahrer Material und Kartons entladen und mit Ameisen zu ihrem Bestimmungsort in einem der umliegenden Gebäude bringen.

Im Steigenberger Hotel, welches direkt an den Platz grenzt, leuchten die kugelförmigen Kronleuchter und schicken ihr blasses Licht durch die getönten, bodentiefen Scheiben nach draußen, als wollten sie sagen: „Wir sind bereit und freuen uns auf Gäste!“

Die Beschilderungen auf dem Platz sind überraschend klein. Weiße Schrift auf hell- und dunkelbraunem Grund. Im Terminal selbst ist die Beschilderung ebenfalls weiß ausgeführt und steht auf einem bordeauxroten Grund.

Der Flughafen bleibt eine Baustelle

Neben dem Steigenberger Hotel steht noch ein Kran in einer Baugrube und signalisiert damit, dass auch mit der Eröffnung nicht alles fertig ist am BER. Die Weisheit von Flughafenverantwortlichen, dass ein Airport, an dem nicht gebaut wird, ein toter Airport sei, gilt natürlich auch für einen Flughafen, der noch nicht eröffnet ist. Der BER wird auch in den nächsten Jahren seine Baustellen haben.

Das Terminal wirkt riesig. Dabei ist das Hauptgebäude mit seiner großen Glasfassade nur 220 Meter breit, 180 Meter lang und 32 Meter hoch. Mit den Piers ist es 750 Meter lang. Die Stahlsäulen, die das riesige Flachdach stützen, wirken extrem filigran. Außen, vom Willy-Brandt-Platz aus betrachtet, ist grau die dominierende Farbe, innen im Terminal wird die graue Tristesse durch hölzerne Elemente und ein riesiges, rotes Kunstwerk an der Decke angenehm unterbrochen. Zusätzlich kommen nach der Inbetriebnahme ja noch Farbtupfer durch die Passagiere hinzu.

Engelbert Lütke Daldrup, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg GmbH, sagte am 8. Oktober: „Wir haben noch drei Probebetriebstage vor uns, dann haben wir 47 Tage lang den Flughafen mit 9.000 Komparsen getestet, nicht nur Standardprozesse, sondern auch Sonderprozesse, weil wir das System unter Stress setzen wollten. Dabei simulierten wir verlorene Kinder, Mehrwertsteuer-Rückerstattungen und Stromausfälle im Terminal. Wir wollten, dass etwas schiefgeht. Wir haben daraus eine ganze Menge gelernt.“

Im Gegensatz zu einem bestehenden Flughafen habe man am Anfang nach der Eröffnung nur neue Kunden, Menschen, die diesen Flughafen noch nie zuvor benutzt haben. Deswegen sei auch die Beschilderung wichtig. „Sie muss auch von Menschen verstanden werden, die noch nie bei uns waren“, so Lütke Daldrup.

Gepackte Koffer gekauft

Für den Probebetrieb hat die Airport-Gesellschaft über 1.000 gepackte Koffer von einer Firma gekauft. Sie sind nach den Vorgaben der Prüfer gepackt worden. In einigen Gepäckstücken sind Spielzeugpistolen versteckt, in anderen simuliert Mehl illegale Substanzen und andere Koffer überschreiten die zulässige Maße oder Gewichte. Die Komparsen haben auch individuelle Regie-Anweisungen: Einige sollen sich renitent anstellen und provozieren, andere sollen Notfälle simulieren oder bewusst nach der Kofferabgabe nicht am Gate erscheinen. Das System Airport und seine Mitarbeiter müssen damit fertigwerden und die richtigen Maßnahmen treffen.

Der BER sei der am strengsten und intensivsten geprüfte Flughafen in Europa. Man habe die Mängelliste von 230.000 Punkten auf null Mängel abgearbeitet. Der Flughafen-Chef hat für seine Mitarbeiter nur lobende Worte: „Das hat das Team bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gefordert.“

Während des Besuches sind nicht nur wegen des laufenden Probebetriebs und letzter Arbeiten schon einige Menschen im Terminal. Komparsen checken ein, Handwerker müssen durch die Sicherheitskontrolle auf die Luftseite des Airports, Flughafen-Angestellte und Airline-Mitarbeiter testen die Passagierbrücken. Dazu werden auch einige der auf dem Airport eingemotteten Flugzeuge bewegt und an die Gates gezogen. Die Jets müssen sowieso regelmäßig bewegt werden, damit sich die Reifen nicht verformen, da kann man diesen Ausflug mit dem Schlepper auch mit einer sinnvollen Übung verbinden. Ein Airbus A320 von easyJet wird herangeschleppt, eine A320 der Lufthansa mit verhüllten Triebwerken und abgeklebten Türen steht schon am Finger. Überall beobachten Prüfer die Tätigkeiten und machen sich Notizen.

Auf dem Vorfeld fahren Schneepflüge versetzt. Auch sie trainieren für ihren Einsatz im Winter. Sind alle Fahrwege wie geplant befahrbar, sind alle Wege ausreichend beschildert, wo gibt es Engstellen, die eine Änderung der Planungen oder der Fahrwege erfordern? Diese Fragen sind nur in einem simulierten Einsatz der Winterdienstfahrzeuge zu beantworten, und zwar noch am besten, bevor die erste Schneeflocke aus einer Wolke rieselt.

Die Besucherterrasse des BER ist riesig. Sie ist komplett mit Glasscheiben umgeben, so dass Besucher dorthin gehen können, ohne eine Sicherheitsschleuse durchlaufen zu müssen. Derzeit nutzen Angestellte und Komparsen die Terrasse für ihre Pausen.

Reibungsarme Eröffnung erwartet

Er erwarte eine reibungsarme Eröffnung und vermeidet bewusst das Wort „reibungslos“. Am 1. Oktober hat die Flughafengesellschaft die luftrechtliche Betriebserlaubnis erhalten (Aerobuzz hatte darüber berichtet). Ab dem 25. Oktober wird die Bezeichnung BER in den Reservierungssystemen der Fluggesellschaften freigeschaltet. Am 31. Oktober um 14.00 Uhr werden auf den beiden Bahnen ein Flugzeug der Billigfluggesellschaft easyJet und eines der Lufthansa parallel anfliegen und damit die ersten Flugzeuge auf dem BER sein. Ab dem 1. November morgens um 06.00 Uhr werde es die ersten Abflüge vom BER geben. Am 3. November werde die Südbahn mit einem Linienflug von Qatar Airways nach Doha die erste Langstreckenverbindung vom BER aus angeboten. Mit diesem Start gehe der BER dann auch formal in Betrieb. Am 7. November fliegen die letzten Linienmaschinen aus Tegel ab, der Abschiedsflug der Air France am 8. November nach Paris sei ein singuläres Ereignis, sagte der Flughafenchef.

hier geht es weiter zum zweiten Teil

 

Schon gelesen?

Die Betriebsgenehmigung für den BER wurde erteilt

99 Prozent Passagierrückgang in Berlin im April

Baubehörde gibt BER-Terminal für die Nutzung frei

Über Volker K. Thomalla

zum Aerobuzz.de
Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.