Zwölf deutsche Inseln in der Nord- und Ostsee verfügen über einen Flugplatz, zudem gibt es zahlreiche weitere Orte entlang der Küsten mit Flugplätzen auf dem Festland. Natürlich wurden und werden längst nicht alle mit einer regelmäßigen Fluganbindung bedacht. Trotzdem wurde der Seebäderverkehr in Deutschland bereits aufgenommen, als die ersten Flugzeuge in der Lage waren planmäßige Flüge durchzuführen, also bereits seit mehr als 100 Jahren.
In erster Linie ging es damals aber noch um den Transport eiliger Waren auf die Inseln sowie den Posttransport. Nur wenige konnten sich damals einen Flug auf die Inseln leisten. Erste Fluglinien wie die Deutsche Aero Lloyd oder Junkers Luftverkehr waren hier Vorreiter mit Flugzeugen aus dem Hause Fokker oder Junkers selbst.
Focke-Wulf Möwe: Die Lufthansa setzte bei ihren Flüge zur Nord- und Ostsee anfänglich die Focke Wulf Möwe ein. Foto: Sammlung Detlef Döbberthin
Nach der Fusion zur Deutschen Lufthansa 1926 verstärkte diese die Anbindung auf die Inseln. So gab es ab den 1930er Jahren mehrmals täglich sogar Linienverkehr ab Wangerooge über Langeoog, Norderney und Borkum nach Dortmund und Essen-Mülheim. Ab Westerland/Sylt über Wyk auf Föhr nach Hamburg. Wangerooge bekam auch eine Linie über Wilhelmshaven nach Bremen und Helgoland nach Bremerhaven. Geflogen wurde zunächst mit der Junkers F13, später aber auch Junkers Ju 52. Meist wurde die Focke-Wulf Möwe eingesetzt auf den Seebäderstrecken. Immerhin konnte dieses Muster etwa zehn Fluggäste aufnehmen. An der Ostsee verband die Deutsche Lufthansa Stralsund über Sellin auf Rügen und über Swinemünde auf Usedom mit Stettin in den 1930er Jahren.
Nachkriegsjahre und Wirtschaftswunder
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zunächst keinen Luftverkehr mehr von und zu den Seebädern. Erst nach der Wiedererlangung der Lufthoheit 1955 wurden einige Verbindungen wieder aufgenommen. Die Ostfriesische Lufttransportgesellschaft OLT wurde 1958 in Emden als erste gegründet, um die Inseln wieder mit dem Festland zu verbinden; es folgte 1962 die General Air in Hamburg.
DHC-6 Twin Otter: Die deutsche General Air war Ende der 1960er Jahre die erste Fluggesellschaft mit der 20-sitzigen Twin Otter an der Küste. Foto: Sammlung Detlef Döbberthin
Zudem gab es auch im Binnenland Neugründungen mit kleinerem Fluggerät mit Ambitionen an der Küste, wie die DNL – Deutsche Nahluft, die Air Lloyd und die Deutsche Taxiflug. Letztendlich fusionierten sie mit der DNL. Anfänglich setzte die OLT auf einmotorige Cessnas, General Air und DNL-Deutsche Nahluft auf Dornier 27 und 28. Alle richteten eine Art Bedarfsverkehr zu festen Abflugzeiten auf den Inseln ein, während die OLT sich eher auf die Ostfriesichen Inseln konzentrierte.
General Air kümmerte sich zusehends um die nordfriesischen Inseln und Helgoland. Letztere Insel hatte vor dem Krieg nur einen Militärflugplatz und der wurde erst nach der Rückgabe der Insel von Großbritannien an Deutschland ab den 1960er Jahren auch zivil genutzt.
Mit dem aufkommenden Wirtschaftswunder wurde auch wieder mehr auf die Inseln geflogen, in der BRD zur Nordsee und in der DDR zur Ostsee. Die in der DDR gegründete Deutsche Lufthansa, die sich alsbald in Interflug umbenennen musste, entwickelte den Flugplatz in Barth auf dem Festland zu einem beliebten Ziel mit zahlreichen Antonow An-2-Linienflügen mit bis zu zehn Sitzplätzen ab Berlin-Schönefeld, Leipzig, Dresden und Erfurt. Auch Heringsdorf auf der Insel Usedom wurde ebenso ab diesen Flughäfen in den ostdeutschen Seebäder-Luftverkehr eingebunden. Im westdeutschen Seebäder-Luftverkehr waren es etwa gleich große Britten-Norman Islander, die diese Aufgabe bei der OLT und der neu gegründeten LFH übernahmen.
Das wohl am längsten an der Nordsee eingesetzte Flugzeugmuster ist die Britten-Norman Islander, welches viele Airlines nutzten. Foto: Sammlung Detlef Döbberthin
In der DDR ging es fleißig weiter, denn Barth und Heringsdorf wurden ab den 1970er Jahren schon mehrmals täglich mit der 50-sitzigen Antonow An-24 – einer zweimotorigen Turboprop – mit Berlin-Schönefeld, Leipzig, Dresden und Erfurt verbunden. In Berlin-Schönefeld war auch ein Umsteigen in osteuropäische Bruderländer möglich. Auf diese Weise konnte man schnell mal an die Ostsee fliegen, wenn man es sich denn leisten konnte.
General Air aus Hamburg expandierte und kooperierte mit der Lufthansa auch auf Regionalstrecken im Binnenland. Statt wie die Mitbewerber in Ostfriesland auf die neunsitzige Britten-Norman Islander zu setzen, beschaffte man bei De Havilland in Kanada gleich die 20-sitzige Twin Otter, um die Inseln Sylt und Helgoland an das Festland anzubinden. Dabei nutzte man auch das Interlineabkommen mit der Lufthansa, und die Fluggäste konnten mit Umstieg in Hamburg und Bremen dorthin weiterfliegen. So fand man die Destinationen Westerland, Wangerooge, Helgoland und Wyk auf Föhr erstmalig in den 1970er Jahren im Lufthansa-Flugplan.
Hadag General: Nach dem Einstieg der Reederei Hadag bei General Air warb man für die damalige Zeit sehr gewagt für Flüge zur Düne. Foto: Sammlung Detlef Döbberthin
Natürlich schaute sich die OLT dies nicht lange an und bestellte ebenfalls die Twin Otter für ihre Seebäderdienste. Allerdings erwies sich dieses Muster für die Ostfriesischen Inseln als zu groß und wurde schon nach kurzer Zeit – ab 1974 – für innerdeutsche Dienste auf das Festland verlegt, eine gar nach Oberfranken in Bayern für die Linie ab Hof über Bayreuth nach Frankfurt, statt ab Düsseldorf, Bremen und Emden nach Borkum, Juist und Norderney und somit fernab der eigentlichen Heimat (siehe auch den Artikel „Bye Bye CityLine“ auf AeroBuzz dazu).
Aber auch auf den nordfriesischen Inseln lief es nicht rund, und der Absturz einer General Air Twin Otter am 27. Mai 1972 auf Helgoland kurz nach dem Start mit acht Todesopfern machte die angespannte Finanzsituation der General Air nicht besser und führte schlussendlich in die Insolvenz. Doch die Schiffsreederei Hadag sprang ein und übernahm zwei Twin Otter aus der General-Air-Flotte und setzte diese weiterhin ab Hamburg nach Westerland/Sylt und Helgoland ein, allerdings ohne Lufthansa-Kooperation und ohne Bremen.
Zudem gab es in Wyk auf Föhr noch die Westküstenflug mit ihren zweimotorigen Cessnas, während in Ostfriesland die OLT durch die Reederei AG Ems übernommen wurde und die Reederei Frisia die FLN-Frisia Luftverkehr Norddeich gründete. Zudem operierte die LFH-Luftverkehr Frisia Harle ab dem gleichnamigen Flugplatz nach Wangerooge. In Bremerhaven-Luneort entstand auch noch die BAL-Bremerhaven Airline, später I.A.A.I. Air Service, spezialisiert auf Helgoland-Dienste.
Letztes Aufbäumen vor der Konsolidierung
Die Reederei Hadag stieß ihre Luftfahrtsparte alsbald wieder ab, Hamburger Unternehmer übernahmen die Twin Otter und firmierten neu als Holiday Express. Und man hatte große Pläne! Es wurde eine Dornier 228-100 beschafft, sowie ein Metroliner und mehrere zweimotorige Cessnas.
Damit flog man auch andere Regionalstrecken ab Hamburg und von Sylt sogar bis Dortmund. Auf der Strecke Dortmund – Sylt war ebenso die Dortmunder LGW Luftfahrtgesellschaft Walter aktiv, anfänglich mit einer Britten-Norman Islander, später mit der Dornier 228-200. Westerland/Sylt wurde ohnehin bereits linienmäßig von British Airways aus Berlin und von der DLT aus Düsseldorf angeflogen.
Doch aufgrund immer besser werdender Verkehrswege mit Auto, Bahn und Schiff verlor der Seebäder-Luftverkehr immer mehr an Bedeutung. Nach der deutschen Wiedervereinigung war es vorbei mit den DDR-Inlandsflügen an die Ostsee. Während Barth verwaiste und keinen Linienflug mehr verzeichnete, wurde in Heringsdorf auf Usedom mit dem dortigen Hotelverband jedoch ein durchaus akzeptables Charterprogramm entwickelt. Hier kamen anfänglich polnische Airlines wie Globus Air und White Eagle Aviation sowie Eurolot mit ATR zum Einsatz – allein schon wegen der Nähe zu Polen und dem Interesse polnischer Touristen.
Später flog gar Lufthansa aus Frankfurt auf die Insel, sowie Eurowings. Somit blieben Sylt und Usedom stets stabile Seebäderziele im deutschen Luftverkehr. In Ostfriesland hingegen fusionierte LFH mit der FLN. Nach dem Absturz einer I.A.A.I.-Islander im Dezember 2001ach dem Start in Bremerhaven-Luneort wurde dieses Unternehmen liquidiert, der Flugplatz selbst zum Containerhafen umgebaut. Auch die kurzzeitige Umbenennung in Helgoland Airlines half nicht. Holiday Express aus Hamburg firmierte in Hanse Express um und widmete sich nur noch Regionalstrecken ab Hamburg, später als Hamburg Airlines, ohne Inselverkehr.
Einmotorig nach Norderney und Juist ging es 2021 ab Hünxe mit der Meerexpress Cessna 208 Caravan. Foto: Sammlung Detlef Döbberthin
2021 scheiterte zudem der Versuch mit einer neunsitzigen Cessna 208 Caravan ab Hünxe am Rande des Ruhrgebietes nach Norderney und Juist zu fliegen. Der Anbieter Meerexpress mietete dabei Fluggerät von IAS-Itzehoer Air Service. Potenzial gibt es sicherlich aus dem Ruhrgebiet an die See, aber der Zeitpunkt lag am Rande der Corona-Pandemie.
Die aktuelle Situation und die Aussichten
Aktuell gibt es nur noch drei von ehemals mehr als 20 Luftverkehrsgesellschaften die sich dem linienmäßigen Seebäderverkehr widmen, die OFD – früher OLT – und die Inselflieger- die FLN mit der fusionierten LFH. Beide befinden sich im Besitz von Reedereien, die OFD gehört der AG Ems und die Inselflieger der Frisia.
Während die Inselflieger zwischen Harle und Wangerooge pendeln, fliegt die OFD ab Emden nach Borkum, sowie ab Helgoland nach Heide/Büsum und Cuxhaven. Letztere hat jedoch derzeit den gesamten Betrieb aus verschiedenen technischen und operativen Gründen ausgesetzt. Wann der Betrieb wiederaufgenommen werden kann, ist unklar.
Somit stehen Helgoland und Borkum derzeit ohne regelmäßigen Flugbetrieb da. Hinzu kommt noch die Scandinavian Air Charter aus Norwegen, die mit einer einmotorigen Cessna 206 nach Bedarf zwischen Norddeich und Juist verkehrt. Somit bleibt als einzige die FLN-Inselflieger mit ihren beiden fabrikneuen Tecnam P2012 STOL zwischen Harle und Wangerooge übrig, die regelmäßig Luftverkehr auf die kleineren Inseln durchführt.
Mitte März 2025 hatte die FLN Frisia Luftverkehr GmbH ihre erste Tecnam P2012 Traveller in Empfang genommen, im Mai 2026 folgte die zweite. © Tecnam
In Westerland/Sylt ist der Andrang an großen Linienfliegern jedoch weiterhin groß. So kommen gar Airbus A319 und A320 von Eurowings und Lufthansa regelmäßig aus Düsseldorf, Stuttgart und München, eine Dash 8-400 der Air Uniqon aus Berlin, sowie die Private Wings Dornier 328 aus Kassel und Mannheim.
Die Air Uniqon setzt auf ihren Flügen eine Dash 8-400 der Avantiair ein. © Air Uniqon
Nach Heringsdorf auf Usedom operiert die Luxair mit der Dash 8-400 aus Luxemburg, die Swiss mit Airbus A220 und Embraer 190 von Helvetic nach Zürich und mit der Private Wings Dornier 328 nach Kassel. Unlängst wollte auch der Anbieter Air Taxi Express ab Cuxhaven Flüge nach Helgoland anbieten, konnte es aber nicht, da er nur mit einmotorigen Flugzeugen operiert und man für gewerbliche Flüge auf diese Insel aus Sicherheitsgründen ein zweimotoriges Musterbenötigt. Auch die Fluggesellschaft Vini möchte mit Cessna 208 Caravan eine Art Bedarfsverkehr ab mehreren deutschen Flughäfen nach Sylt und Usedom einrichten.
Wird künftig im Naturschutzgebiet Wattenmeer gar CO2 neutral geflogen und können neue Technologien wie Elektroflugzeuge den Seebäderverkehr wieder ankurbeln? Gerade in diesem Segment sind die in der Entwicklung stehenden Flugzeuge klein und haben eine kurze Reichweite und wären somit exakt das, wann man im Seebäderverkehr benötigt! Zudem würde dies aus ökonomischen und ökologischen Gründen in diesen Regionen den meisten Sinn machen. Die nächsten zur Zertifizierung anstehenden Flugzeugytpen sind die CX 300 Alia von Beta Technology mit fünf Sitzplätzen und 500 Kilometer vollelektrischer Reichweite. Ähnliche Leistungsdaten weisen die MDA1 eViator von MD Aircraft und der Microliner von Vaeridion auf. Da diese aber keine Massenverkehrsflugzeuge mit großen Kapazitäten auf langen Strecken sind, eignen sie sich speziell für die kleineren Flugplätze, die von der Küste aus angesteuert werden. Westerland/Sylt und Heringsdorf/Usedom werden aber weiterhin die größten Flughäfen in diesem Segment bleiben mit der Anbindung durch größere Flugzeuge auf längeren Strecken.
Detlef Döbberthin
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