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Bei seinem jüngsten Besuch auf der Wasserkuppe durfte unser Autor einen Gang durch die Katakomben des Segelflugmuseums machen – dort bekam er allerhand Kurioses zu sehen.

30.03.2024

Die Original-Konstruktionszeichnung der Motor-Möwe von Heini Dittmar. © Meiko Haselhorst

Was um Gottes Willen ist das? Neben Pokalen und Handschuhen der Fliegerlegende Wolf Hirth liegt da auch eine – ja, was denn eigentlich? Museumsleiter Peter Ocker zuckt mit den Schultern. „Die Totenmaske von Wolf Hirth?“ Könnte sein. Eine gewisse Ähnlichkeit ist jedenfalls vorhanden. Ockers Antwort klingt trotzdem eher wie eine Frage. Und Fragen stellen sich hier zuhauf. Nicht nur dem Gast, der an diesem Tag einen Blick in den Keller werfen darf. „Wir wissen teilweise selber noch nicht, was wir hier alles haben“, sagt Ocker ganz ohne Umschweife.

Schätze aus dem Fundus des Segelflugmuseums

Auf jeden Fall haben sie hier vier große Räume – soviel steht schon mal fest. Der 54-Jährige, der hier seit 2017 zusammen mit Uli Braune und Bernd Vogt die Zügel in der Hand hält, öffnet die Tür zum ersten. „Hier liegt alles, was mit Modellflug zu tun hat – vor allem Flugzeuge und Fernsteuerungen.“ Die Regale sind vollgestopft mit Fliegern – oder mit dem, was davon übrig ist. „Vieles kommt kaputt bei uns an. Vieles wird uns kommentarlos vor die Tür gelegt. Und vieles ist tatsächlich Müll. Aber vieles auch nicht“, sagt Ocker und holt ein grasgrünes Modell neueren Jahrgangs aus dem Regal. „Das war das erste Senkrechtstarter-Modell mit Düsenantrieb, das den Übergang vom Vertikal- zum Horizontalflug geschafft hat!“, sagt Ocker. „Wir wissen noch nicht, was wir damit machen wollen – aber mittelfristig gehört das natürlich in eine Ausstellung.“

Auf manchen alten Leitwerken und Tragflächen sind Hakenkreuze zu sehen. Ocker hebt die Augenbrauen. „Sollen wir das jetzt alles wegschmeißen?“, fragt er. Und gibt die Antwort selbst: „Das werden wir nicht tun. Das ist Teil der Geschichte hier. An der Wasserkuppe fangen wir gerade erst damit an, dieses Thema aufzuarbeiten.“ Möglicherweise auch mal ein Ausstellungsthema.

Komplette Zeitschriften-Sammlungen stehen im Archiv – unter anderem das frühere Magazin Thermik. © Meiko Haselhorst

Der nächste Raum: Zahllose Zeitschriften – teils komplette Sammlungen von „anno dazumal“. Und noch mehr Modelle. Und noch mehr Fernsteuerungen. „Wir haben mal 300 Stück auf einen Schlag bekommen. Das ist toll. So was wirft man nicht weg. Aber da fragen wir uns natürlich auch erst mal, was genau wir damit machen können“, erzählt Ocker. In diesem Fall: Zunächst alles abfotografieren und in einer digitalen Ausstellung der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Die Arbeit geht dem Museum nicht aus

Der Museumsleiter zieht ein paar Schubladen auf. „Lauter kleine Verbrennungsmotoren“, sagt er. „Ist natürlich nicht optimal, dass die hier alle auf Teppichstücken liegen. Teppich dünstet ja aus. Den müsste man da mal rausholen.“ Müsste man. „Müsstemann und Solltemann sind unsere besten Kollegen“, sagt Ocker und lächelt. „Es gibt hier überall noch unheimlich viel zu tun – aber wir sind alle nur ehrenamtlich tätig. Und die meisten kommen von weit her.“ Peter Ocker selbst, das nur am Rande, wohnt in Bayern und hat eine Anfahrt von rund dreieinhalb Stunden – und ist noch weit davon entfernt, ein Rentner mit viel Zeit zu sein.

Der nächste Raum: Wieder zieht Ocker ein paar Schubladen auf. Konstruktionszeichnungen von manntragenden Flugzeugen. „Originale und Kopien – in verschiedenen Zuständen“, sagt er. „Hier ist ein sehr gut erhaltenes Original. Das kann man sehr schön daran erkennen, dass der Bleistiftstrich noch glänzt“, erklärt er und zeigt auf einen großen Papierbogen in einer der Schubladen. Bei besagtem Original handelt es sich um Heini Dittmars Motor-Möwe. Und als sei das noch nicht spektakulär genug, liegen ein paar Meter weiter einige Trümmer aus Sperrholz: Überreste ebenjener Motor-Möwe, mit der Dittmar im Jahr 1960 in den Tod stürzte. All das verdiene natürlich einen exponierten Platz, und keine Ecke im Keller des Museums – aber dafür bräuchte man erst mal „ein Konzept, ein Thema“, sagt Peter Ocker. Dasselbe gelte für die alten Uniformen und Einzelstücke aus dem damaligen „Deutsch-Südwest“, dem heutigen Namibia. Die Kollegen Müsstemann und Solltemann lassen grüßen.

Im vierten und letzten Raum herrscht schon eine gewisse Ordnung, zumindest im Bücherregal. Jede Menge Werke stehen hier in den Regalen, echte Klassiker und echte Exoten – alles gut sortiert. „Was doppelt und dreifach vorhanden ist, darf oben am Eingang des Museums gekauft werden“, sagt Ocker.

Filmrollen und Ton-Dokumente – teils noch nicht gesichtet und ausgewertet – findet man hier auch. Auf dem Boden steht eine große Holzkiste mit Kleidung und anderen Utensilien von „Flgkptn. Hanna Reitsch“, so die Beschriftung. Peter Ocker glaubt eines der Kleider als jenes wiederzuerkennen, das die berühmt-berüchtigte NS-Pilotin zu einem ganz speziellen Anlass trug. Ganz sicher ist er sich da aber (noch) nicht.

In einem weiteren Regal befindet sich ein Teil des Nachlasses von Peter Riedel, jenem Zeitzeugen und Wasserkuppen-Pionier der ersten Stunde, dem die Nachwelt die wohl schönste und beste Dokumentation der alten Rhön-Geschichte verdankt. Neben Unmengen von Fotos liegt hier auch sein Reisepass aus NS-Zeiten. Auch ein paar Habseligkeiten von „Rhönvater“ Oskar Ursinus fristen ihr Dasein in einem dunklen Fach: unter anderem ein kleines Fernglas und jede Menge Schwarz-Weiß-Bilder, die Ursinus in einem kleinen Holzkasten für glasierte Orangenscheiben aus Wien aufbewahrt hat, wie die Beschriftung verrät. Brille, Pfeife und Hut sind leider nicht dabei.

Eine Tasse mit Segelflugzeug auf dem Stempel

Dafür steht an einer anderen Stelle eine schwere und dickwandige Kaffeetasse, samt Untertasse. „Felda Rhön, Stadtlengsfeld 1943“ steht darunter. Und „Reichsarbeitsdienst“. Ein kleines Segelflugzeug ist darauf abgebildet. Interessanter sind allerdings die braunen Flecken am Rand der Tasse. Sollten das noch echte Kaffeeränder von damals sein? Besonders relevant sind die vermutlich nicht – aber kurios.

Und dann natürlich der Nachlass von Wolf Hirth. Ist das denn nun wirklich seine Totenmaske? Museumsleiter Peter Ocker zuckt mit den Schultern. „Müsste man mal herausfinden“, sagt er. Müsstemann und Solltemann. Die beiden Kollegen haben noch viel Arbeit vor sich.

Meiko Haselhorst

 

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Über Meiko Haselhorst

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Meiko Haselhorst wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzege und fürs Fliegen lebt der zweifache Vater zuweilen auf Reisen und an der Tastatur aus.

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