Homepage » Helikopter » Bell schickt die Bell 525 bei der Bundespolizei ins Rennen

Bei der Erneuerung der Hubschrauberflotte der Bundespolizei will Bell ein gewichtiges Wort mitreden. Das neue Flaggschiff des Herstellers, die Bell 525, präsentiert sich als „erster Hubschrauber des 21. Jahrhunderts“ mit Fly-by-Wire-System, Top-Avionik, guten Leistungen und vielen weiteren intelligenten Lösungen, die nur möglich sind, wenn man einen Hubschrauber komplett neu entwirft. Die Zulassung der 525 wird wohl noch in diesem Jahr erfolgen.

23.03.2021

Die Bell 525 ist der Helikopter des Hersteller mit einem Fünfblatt-Hauptrotor. © V. K. Thomalla

Das neue zivile Flaggschiff des Hubschrauberherstellers Bell aus Fort Worth im US-Bundesstaat Texas wartet mit einigen Premieren auf: Die Bell 525 ist der erste zivile Serienhubschrauber mit einem Fly-by-Wire-System, sie ist der erste Bell-Hubschrauber mit einem Fünfblatt-Hauptrotor, und sie ist der erste zivile Serienhubschrauber mit einer Reisegeschwindigkeit von über 160 Knoten (296 km/h). Dabei ist der Helikopter mit einer maximalen Abflugmasse von 9.299 Kilogramm kein kleines Fluggerät. Er gehört in die Klasse der Super-Medium Twins. „Die Bell 525 ist der erste Hubschrauber des 21. Jahrhunderts“, fasst es Jonathan Castorena, der Business Development Director für die DACH-Region bei Bell, im Gespräch mit Aerobuzz zusammen.

Bell 525

Bell zeigt derzeit Interessenten in Europa ein Mock-up der Bell 525. Aerobuzz.de hatte jetzt die Möglichkeit, den Hubschrauber in Berlin ausführlich zu besichtigen und ein Programm-Update zu bekommen. Bereits auf der Heli-Expo 2020 in Anaheim hatte Aerobuzz die Gelegenheit, die Bell 525 gründlich in Augenschein zu nehmen.

Angetrieben von zwei CT7-2F1-Wellenturbinen von GE Aviation bietet der Helikopter seinen Nutzern eine Reichweite von 580 nautischen Meilen (1.084 Kilometer), was einerseits für SAR-Missionen aber auch für Versorgungsflüge zu immer weiter vor der Küste liegenden Öl- und Gasbohrplattformen eine entscheidende Fähigkeit darstellt.

Endspurt zur FAA-Zulassung

Auch wenn der Hersteller kein konkretes Datum für die Zulassung nennt, so befindet sich das Muster auf jeden Fall im Endspurt auf die Zertifizierung durch die US-Luftfahrtbehörde FAA. Bell strebt die Zulassung in den USA auf jeden Fall in diesem Jahr an, die Zertifizierung durch die EASA (Agentur für Flugsicherheit der Europäischen Union) könnte ein halbes Jahr später erfolgen. Im Juli 2016 war ein Prototyp des Musters während der Erprobung abgestürzt. Dabei waren beide Testpiloten ums Leben gekommen. Der Absturz sei komplett aufgearbeitet und die Lehren aus diesem tragischen Ereignis seien in das Programm eingeflossen, so Castorena.

Die Testflotte umfasst vier Exemplare, die nach Angaben von Randall Parent, einem 525-Testpiloten von Bell, zusammen 1.850 Flugstunden auf 2.600 Flügen absolviert haben.

Auf die Bedürfnisse der Bundespolizei zugeschnitten

Es ist kein Zufall, dass das Mock-up in Berlin seine Europa-Premiere gibt. Bell will sich mit der 525 an einer erwarteten – aber noch nicht veröffentlichten – Ausschreibung des Bundesinnenministeriums beteiligen. Die Bundespolizei will in Kürze ihre Helikopterflotte auf nur noch zwei Muster vereinheitlichen. Dafür werden in absehbarer Zukunft zwischen 40 und 44 neue Hubschrauber benötigt. Als Ersatz für die Super Puma und die H155 bietet sich nach Ansicht von Bell die 525 mit ihren Eigenschaften und Leistungen geradezu an. Um die Bedürfnisse von Polizei-Einheiten genau zu treffen, hat Bell sich Rat von ehemaligen Mitgliedern der GSG 9 und der KSK geholt und arbeitet mit Spezialisten wie der ESG Elektroniksystem- und Logistik GmbH aus Fürstenfeldbruck zusammen, die bereits das Mission Management System für die heutige Hubschrauberflotte der Bundespolizei liefert.

Auf Anregung der ehemaligen Elite-Polizisten hat Bell zum Beispiel eine neue Abseilvorrichtung entwickelt, die das schnelle und gleichzeitige Abseilen von bis zu sechs Einsatzkräften ermöglicht. Die 1,37 Meter breite Schiebetür unterstützt das schnelle Beladen und Aussteigen aus der Bell 525. Eine neue Halterung in der Kabine erlaubt die sichere Mitnahme von Gelände-Motorrädern, während Schützentische erlauben, Einsatzkräften während des Absetzvorgangs Deckung zu geben. Die Kabine ist sehr flexibel konfigurierbar und kann mit bis zu 19 Passagiersitzen bestückt werden. Zu dieser Flexibilität trägt das Puck-System im Kabinenboden bei, das in der Bell 525 die Sitzschienen abgelöst hat. Das System ist nach der Spielscheibe aus dem Eishockey benannt, da die Einrast-Punkte im Kabinenboden wie Pucks aussehen.

Unsichtbare Emergency Floats

Auf Anregung von potenziellen Kunden haben die Bell-Ingenieure einen 3,6 Kubikmeter großen Gepäckraum im Heck des Rumpfes integriert, der sowohl durch eine Tür zu beladen ist, als auch im Flug zugänglich ist. Die Ladekapazität beträgt des Frachtraums beträgt über 900 Kilogramm. Wenn Bohrplattform-Besatzungen im Sechs-Wochen-Rhythmus ausgewechselt werden, benötigen die Arbeiter eben mehr Gepäck als nur eine Zahnbürste und einen Rasierapparat. Die Bell 525 ist mit Emergency Floats ausgerüstet, die den Hubschrauber in einem Notfall auf der Wasseroberfläche halten. Den Ingenieuren ist es gelungen, dieses Equipment so in die Struktur zu integrieren, dass es von außen nicht zu erkennen ist.

Jonathan Castorena hebt die niedrigeren Betriebskosten der Bell 525 hervor. Sie liegen nach seinen Angaben bei 2.250 US-Dollar pro Stunde und damit rund 25 Prozent unter denen von vergleichbaren Mustern der Wettbewerber. Die Triebwerke und das Getriebe haben eine TBO von 5.000 Stunden und tragen durch diese langen Intervalle zur Senkung der Betriebskosten bei. Um die Zuverlässigkeit des Getriebes nachzuweisen, hat der Hersteller es 67 Minuten lang ohne Öl auf einem Prüfstand laufen lassen. Bei der anschließenden Inspektion hat es keine Schäden aufgewiesen. „Es war wie neu“, sagt Castorena.

Das Cockpit wird Piloten begeistern, nicht nur durch seine Größe, sondern auch durch seine Aufgeräumtheit und die gute Sicht nach außen. Um in den Pilotensitz zu gelangen, ist keine Akrobatik mehr notwendig, der Sitz fährt auf einer J-Schiene nach hinten und dreht sich dabei. Vier große Bildschirme des Avionikpakets Garmin G5000H im Instrumentenbrett stellen alle flugrelevanten Informationen konzentriert dar. Ein Panel mit Sicherungen sucht man vergeblich, die Circuit Breakers werden über die Touch-Pad-Panels in der Mittelkonsole bedient. Auf ein Overhead-Panel konnten die Konstrukteure ebenfalls verzichten, da es deutlich weniger Schalter und Hebel gibt als in anderen Helikopter-Cockpits. Dadurch konnten die Konstrukteure auch das Instrumentenbrett niedriger platzieren und so die Sicht der Piloten nach vorne verbessern. Selbstverständlich ist das G5000H kompatibel mit Nachtsichtbrillen.

Verstellbare Armstützen sowohl beim Cyclic als auch beim Collective erlauben eine bequeme Körperhaltung für die Piloten beim Fliegen der Bell 525. © V. K. Thomalla

Der Cyclic ist – ander als bei Helikoptern ohne Fly-by-Wire – als Sidestick rechts vom Pilotensitz angebracht. Eine verstellbare Armstütze ermöglicht eine ergonomische und bequeme Handstellung, auch für den ebenfalls als Sidestick ausgeführten Collective. Testpilot Randall Parent berichtet im Gespräch mit Aerobuzz über die Art, wie die Bell 525 mit Fly-by-Wire-System fliegt. „Die Arbeitsbelastung für den Piloten ist deutlich niedriger, der Pilot kann sich viel stärker auf seine Mission konzentrieren. Wenn er beispielsweise eine bestimmte Schräglage einnimmt, hält die 525 diese Schräglage automatisch. Es gibt keine mechanische Verbindung mehr zwischen den Steuerelementen Cyclic, Collective, Pedalen und dem Rotor. Das System ist dreifach redundant ausgelegt.“

Cyclic, Collective und Pedale von beiden Piloten sind mit einem System ausgerüstet, das die Steuereingaben des jeweils anderen Piloten widerspiegelt. Beide Piloten fühlen also an den Controls, welche Steuereingaben der andere macht. Parent lobt auch das Ground Handling der Bell 525, welches durch das Fly-by-Wire-System deutlich erleichtert wird: „Die Bell 525 ist für ihre Größe auch am Boden erstaunlich agil. Wenn man einen Rollweg nutzt und mit beispielsweise 20 Knoten in 10 Fuß Höhe fliegen will, hält der Hubschrauber die Geschwindigkeit und die Höhe ein. Das Fly-by-Wire-System ist fast so etwas wie ein Autopilot, in dem der Pilot aber immer eingebunden ist.“

Die 525 ist für ein breites Aufgabenspektrum ausgelegt

Mit der Zulassung der Bell 525 wird die Flugerprobung des Hubschraubers jedoch nicht zu Ende sein, denn es folgen weitere Nachweise für weitere Zertifizierungen. Dazu gehört zum Beispiel die Zertifizierung des Enteisungssystems, was für die Nutzer aus der Öl- und Gasindustrie unabdingbar ist. Das Energieunternehmen Wintershall Dea wird als einer der ersten Nutzer in Europa die Bell 525 in Norwegen in Betrieb nehmen. Auf der Heli-Expo 2020 in Anaheim hatte der Hersteller bereits einen der 525-Prototypen mit Wintershall-Dea-Logo präsentiert. Jonathan Castorena sagte: „Deutschland ist einer der wichtigsten europäischen Märkte für Bell. Die Bell 525 ist ideal für ein breites Spektrum von Einsätzen in Deutschland, und es ist unser Ziel, sie zur bevorzugten Wahl im Super-Medium-Segment zu machen.“

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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