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Nächster Rückschlag: Auch Norwegen will den NH90 nicht mehr

Der NH90 wird immer mehr zu einer Belastung für die am Herstellerkonsortium beteiligten Unternehmen: Mit Norwegen hat nun schon der dritte Kunde dem Muster und der Industrie ein so verheerendes Zeugnis ausgestellt, dass er den Hubschrauber nicht mehr betreiben will.

12.06.2022

Norwegen hat die Entscheidung getroffen, sich vom NH90 zu trennen, da der Hubschrauber nach Ansicht der Norweger niemals die Anforderungen erfüllen könne. © Forsvaret

Die Geduld der Kunden findet zunehmend ein Ende, selbst bei internationalen Programmen im Bereich der Militärluftfahrt, wo in der Vergangenheit die Leidensfähigkeit der Abnehmer unendlich schien: Nachdem Australien wegen mangelnder Zuverlässigkeit im Dezember 2021 einen Schlussstrich unter sein MRH90-Programm gezogen hat und Belgien im Januar angekündigt hat, aufgrund der hohen Betriebskosten aktiv einen Nachfolger für den NH90 TTH (Tactical Transport Helicopter) zu suchen, hat nun auch Norwegen die Konsequenzen aus der großen Unzufriedenheit mit dem Muster gezogen.

Bjørn Arild Gram, der norwegische Verteidigungsminister, sagte: „Bedauerlicherweise sind wir zu dem Schluss gekommen, dass der NH90, egal wie viele Arbeitsstunden unsere Techniker leisten und wie viele Teile wir bestellen, niemals in der Lage sein wird, die Anforderungen der norwegischen Streitkräfte zu erfüllen. Auf der Grundlage einer gemeinsamen Empfehlung der Streitkräfte und der beteiligten Ministerien und Behörden hat die norwegische Regierung daher beschlossen, die Einführung des NH90 zu beenden, und die norwegische Behörde für Verteidigungsmaterial ermächtigt, den Vertrag zu kündigen.“

NH90

Norwegen hatte 2001 insgesamt 14 NH90 bestellt, die ursprünglich bis Ende 2008 ausgeliefert werden sollten. Bis heute hat das Land aber nur acht Exemplare des Musters mit voll missionsbereiter Ausstattung erhalten. Auch die Zuverlässigkeit und der Klarstand des Musters hinkt meilenweit hinter den vertraglichen Vereinbarungen und den Erwartungen des Kunden zurück. Statt 3.900 Flugstunden pro Jahr wie gefordert, kamen die NH90 der Norweger in den vergangenen Jahren gerade einmal auf durchschnittlich 700 Stunden jährlich.

Die norwegischen Streitkräfte haben deswegen den kompletten Flugbetrieb mit dem Hubschrauber gestoppt und werden alle ausgelieferten Exemplare wieder an den Hersteller zurückgeben. Norwegen fordert die komplette Rückzahlung aller Mittel, die in den NH90 geflossen sind sowie Zinsen für diese Vermögenswerte. Laut norwegischem Verteidigungsministerium belaufen sich die Mittel auf rund 5,0 Milliarden norwegische Kronen, umgerechnet 489 Millionen Euro.

Nicht in der Lage, die Anforderungen zu erfüllen

General Eirik Kristoffersen, der Chief of Defence der norwegischen Streitkäfte, sagte: „Dies ist die richtige Entscheidung für den NH90 und für unsere maritimen Hubschrauberfähigkeiten und entspricht unserer Empfehlung. Ich bin beeindruckt von den Bemühungen unserer Organisation und all derer, die so hart daran gearbeitet haben, dass der NH90 seinen Zweck erfüllt. Dies war keine Frage mangelnder Bemühungen, Kreativität und Fähigkeiten, sondern ganz einfach die Tatsache, dass wir einen Hubschrauber erhalten haben, der nicht in der Lage war, die Anforderungen zu erfüllen. Auch wenn wir uns jetzt vom NH90 verabschieden, brauchen wir weiterhin die Unterstützung derjenigen, die an diesem Hubschrauber gearbeitet haben. Meine Priorität ist es daher jetzt, mich um alle zu kümmern, die am NH90 gearbeitet haben.“

Das Herstellerkonsortium NHIndustries zeigte sich von der Entscheidung Norwegens „äußerst enttäuscht“ und betrachtet die Kündigung als rechtlich unbegründet. Das Konsortium weist die gegen den NH90 und das Unternehmen erhobenen Vorwürfe zurück. NHIndustries sei nicht die Möglichkeit geboten worden, den jüngsten Vorschlag zur Verbesserung der Verfügbarkeit des NH90 in Norwegen und zur Erfüllung der spezifischen norwegischen Anforderungen zu diskutieren.

NHIndustries und seine Partnerunternehmen hätten sich stets dafür eingesetzt, die zuvor geäußerten Bedenken auszuräumen, und hätten geeignete und maßgeschneiderte Lösungen für die spezifischen und einzigartigen norwegischen Anforderungen vorgelegt. „Nachdem 13 von 14 Hubschraubern ausgeliefert wurden und der 14. abnahmebereit war, standen wir kurz vor dem Abschluss des Hauptumfangs des ursprünglichen Vertrags“, teilte der Hersteller mit.

Das Verteidigungsministerium kündigte an, nun eine Studie zu initiieren, um eine Alternative zu finden. „Marine-Hubschrauber sind etwas, was Norwegen haben muss, und es ist daher wichtig, dass wir schnell mit der Arbeit beginnen, die durch NH90 entstandene Lücke zu schließen. Wir werden verschiedene Alternativen prüfen, um den operativen Anforderungen gerecht zu werden, aber wir müssen darauf vorbereitet sein, dass es keine einfache Lösung gibt“, sagte Verteidigungsminister Bjørn Arild Gram.

Bob Fischer

 

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Über Bob Fischer

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Bob Fischer ist PPL-Inhaber mit diversen Ratings. Er veröffentlicht regelmäßig Beiträge in Luftfahrtmagazinen auf der ganzen Welt. Bob hat eine große Erfahrung in Air-to-air-Fotografie mit Jets, Kolbenmotor- und Turbopropflugzeugen. Er hat mehr als 40 Jahre für der CAA-NL gearbeitet, sein letzter Job war Inspekteur für Flugausbildung in den Niederlanden.

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