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Das Ein-Zimmer-Hotel in Honeckers Regierungsmaschine

Eine halbe Millionen Euro investierte Ben Thijssen in das Flugzeughotel am niederländischen Flugplatz Teuge. Oder anders gesagt: In ein „Ein-Zimmer-Hotel“ mit einem einzigen Doppelbett, das nicht zwingend Gewinn erwirtschaften muss. Eine Geschichte über eine verrückte Idee – mit gutem Ausgang.

9.06.2022

Das Flugzeughotel am Flugplatz Teuge in den Niederlanden hat nur ein einziges Zimmer. © Heiko Link

Es gibt Fragen, die die Entspannung im Urlaub mit der Liebsten zumindest ein bisschen beeinträchtigen können. „Wäre es nicht schön, in einem Flugzeug zu übernachten?“, ist eine davon. Zumindest, wenn man Ben Thijssen kennt. Als der Niederländer seiner Frau Margriet diese Frage stellte, übernachteten die beiden gerade in einem zum Hotel umgebauten Zug. Neben dem Zug stand „zur Zierde“ eine russische MiG. Die brachte Thijssen auf die Idee, selbst ein Flugzeug zu kaufen und zum Hotel umzubauen. „Du bist verrückt!“, antwortete seine Frau, die wohl schon ahnte, dass nun ein größeres Projekt anstand, um das sich ihr lieber Mann mal schön selbst kümmern sollte. Sieben Jahre später wurde es dann am niederländischen Flugplatz Teuge eröffnet, das Hotel in einem umgebauten ehemaligen Regierungsflugzeug der DDR.

Flugzeughotel in Teuge

„Schon bei der Auswahl des Flugzeuges sind einige Punkte zu beachten“, betont der 55-Jährige, für den es eine Art Hobby ist, kleinere Hotels zu kaufen. Wichtig ist, dass man drinnen gut stehen kann. Dann sollte der Rumpf schön breit sein, damit unter anderem eine Infrarotsauna und ein Whirlpool reinpassen. Eine Propellermaschine wäre ideal, weil „die einfach gut aussieht“. Das Cockpit samt der Instrumente muss noch drin sein, damit echtes Piloten-Feeling aufkommt. Last but not least wäre es idealerweise ein Flugzeug mit Geschichte.

Transport mit Polizeibegleitung

All diese Anforderungen erfüllt die Iljuschin Il-18, Baujahr 1960, mit der auch Erich Honecker viel unterwegs war. Das Flugzeug selbst war mit einem Anschaffungspreis von nur 25.000 Euro im Grunde ein Schnapper und der kleinste Posten auf der „Flugzeughotel-Gesamtrechnung“: „Die Iljuschin wurde nach der Wiedervereinigung in Harbke in Sachsen-Anhalt als Restaurant genutzt. Als ich auf der Suche war, wollte der damalige Betreiber das Flugzeug gerade los werden, weil er in Rente ging.“

Die Kosten gingen mit dem als Nächstes anstehenden Transport nach Teuge direkt in den Steigflug über. Drei LKW-Touren mit Polizeibegleitung waren im April 2009 nötig, um alles in die Niederlande zu bringen. „Am schwierigsten waren die Flügel zu transportieren, weil die Gehäuse der Motoren nicht abgebaut werden konnten“, erinnert sich Thijssen. Die Spitzen der Tragflächen aber schon, was letztendlich den Transport ermöglichte.

In Holland angekommen, stand der Umbau vom Restaurant in ein Hotel auf dem Programm. „Der Mann der Architektin, die das Hotel entworfen hat, fliegt als Pilot bei easyJet“, berichtet Thijssen von einem hilfreichen Zufall. Besagter easyJet-Pilot weiß nämlich insbesondere das intakte Cockpit zu schätzen: „Die Instrumente sind in russischer Sprache beschriftet, und wenn er bei uns übernachtet, rätselt er gerne, welcher Schalter sich wo befindet.“

Die meisten Gäste verbringen ihren gesamten Aufenthalt an Bord der Iljuschin Il-18, kein Wunder, bei diesem Platzangebot. © Heiko Link

Nach dem Wiederauf- und Umbau, beläuft sich Thijssens Gesamtinvestition in das Projekt Flugzeughotel auf eine halbe Millionen Euro. Die wieder reinzuholen ist auch mit einem Preis von etwa 400 Euro pro Übernachtung schwer, weil es sich bei dem Flugzeug im Grunde um ein Ein-Zimmer-Hotel mit einem Doppelbett und Platz für maximal zwei Personen handelt. „Das Flugzeughotel muss auch keinen Gewinn machen“, berichtet Thijssen ganz entspannt. Der Niederländer sieht es eher als tolles Marketing für andere exklusive Hotels auf seiner Webseite Hotelsuites.nl. Denn das Flugzeughotel ist im Grunde immer ausgebucht: „2021 hatten wir 351 bezahlte Übernachtungen.“

In den verbleibenden 14 Tagen des Jahres war das Hotel entweder wegen Wartungsarbeiten oder Eigenbedarf geschlossen. „Einmal im Jahr übernachte ich dort selbst mit meiner Frau. Dafür bezahlen wir natürlich nichts“, sagt der Eigentümer und lacht. Was Thijssen mit dem ausgebuchten Hotel auch erreichen will, ist: Die Bekanntheit des Flugplatzes Teuge bei internationalen Geschäftsreisenden steigern und so etwas für die Region tun.

Fliegendes Personal ist häufig zu Gast

Bei den Menschen, die einen Platz ergattern, handelt es sich häufig um fliegendes Personal: „Wir haben hier viele Piloten und Stewardessen von der KLM.“ Die Übernachtung wird auch schon mal (unter Piloten) verschenkt, oder es kommen richtig eingefleischte Flugzeug-Fans. Nicht-Flieger buchen das Hotel eher zu besonderen Anlässen, wie zu Geburtstagen oder Hochzeitstagen.

Die Hälfte der Übernachtungsgäste kommt aus dem Ausland und zum Großteil aus dem benachbarten Nordrhein-Westfalen. Flieger wie Nicht-Flieger verbringen in der Regel den gesamten Aufenthalt im Flugzeug. Sich die umliegenden Städte Deventer, Apeldoorn und Zutphen anzusehen oder mal eine Runde zu radeln, steht eher nicht auf dem Urlaubs-Programm: „Wegen Sauna, Whirlpool, dem Original-Cockpit und der großen Auswahl an DVDs bleiben die Meisten die ganze Zeit an Bord.“ Gegessen wird in einem der beiden Restaurants am Flugplatz Teuge, die auch an Bord liefern. Wenn die Gäste mal aktiv werden wollen, dann buchen sie einen Rundflug am Platz oder gleich eine Flugstunde.

Ende gut: Margriet findet’s total schön

Dass das Flugzeug so gut gebucht wird, war beim Projektstart natürlich alles andere als sicher. „Ich hatte mir als Plan-B überlegt, das Flugzeug als besonderen Konferenzraum anzubieten, falls es mit dem Hotel nicht klappen sollte“, sagt Ben Thijssen, der vor seiner Zeit als Hotelier beim Niederländischen Büro für Tourismus gearbeitet hat. Was zum Glück nicht nötig war. Nach sieben Jahren Vorbereitungszeit fiel Thijssen bei der Eröffnung echt eine Last von den Schultern: „Ich war auch froh, in Teuge einen Ort gefunden zu haben, wo ich das Flugzeug hinstellen konnte und von den Behörden auch eine Genehmigung dafür bekam.“ Und seine liebe Frau? „Als alles fertig war, fand Margriet das Flugzeughotel total schön“, sagt der 55-jährige und lacht.
Heiko Link

 

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Über Heiko Link

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Heiko Link ist Journalist und Podcaster, der in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht. Seine bevorzugte Berichtsform ist die humorvolle Reportage, die er am liebsten über Flugzeug-Selbstbauer schreibt. Baugeschichten und technische Themen begeistern ihn in der Luftfahrt und auch am Boden, beim Hoch- und Tiefbau. Fliegerische Erfahrung hat der Ostwestfale als Drachen-, Gleitschirm- und UL-Pilot gesammelt.

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