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Überschall-Passagierjets – Vergangenheit – Zukunft

Überschall-Luftverkehr: Mit diesem faszinierenden Thema hat sich der Journalist Andreas Spaeth in seinem Buch ausführlich auseinandergesetzt. Detailreich und kundig schildert er die vielen unterschiedlichen Facetten dieses speziellen Segments des internationalen Luftverkehrs. Er blickt dabei aber nicht nur zurück in die Vergangenheit, sondern gewährt dem Leser auch einen kritischen Einblick in Projekte, die den Überschall-Luftverkehr wieder ermöglichen wollen.

5.11.2020

Das Buch Überschall-Passagierjets von Andreas Spaeth ist im Motorbuch-Verlag erschienen. © V. K. Thomalla

Das Buch „Überschall-Passagierjets Vergangenheit • Zukunft“ des Hamburger Luftfahrtjournalisten Andreas Spaeth ist ein echter Brocken, nicht nur physisch. Mit einer Kantenlänge von 31 Zentimetern Breite und 24,5 Zentimetern Höhe ragt es schon allein von den Maßen her aus der Menge vieler Luftfahrtbücher heraus. Der bekennende Concorde-Enthusiast Andreas Spaeth legt die Messlatte für sein Werk selbst sehr hoch, wenn er in seinem Vorwort seinen Anspruch beschreibt, dass dieses Buch kein weiteres Concorde-Buch sei, sondern eines, das den großen Zusammenhang des Phänomens ziviler Überschallflug erzählen will und dabei erstmals den Bogen von der Geschichte bis in die Zukunft spanne.

Und dann legt er los mit der Geschichte des Überschallflugs, beschreibt die Erfolge und Misserfolge sowie die Erfahrungen der militärischen Pioniere. Er erwähnt dabei auch den Luftwaffen-Fähnrich Hans Guido Mutke, der im April 1945 mit einer Me 262 die Schallmauer durchbrochen haben will. Natürlich nehmen die Flugversuche in Kalifornien, die am 14. Oktober 1947 zum ersten nachgewiesenen Überschallflug der Menschheitsgeschichte führten, einen großen Platz ein. Spaeth webt in seine Beschreibung der Geschichte der Bell X-1 und Chuck Yeagers, des ersten Piloten, der schneller flog als der Schall, immer wieder geschickt physikalische und technische Definitionen ein. So nimmt er den Leser mit und vermittelt auf eine angenehm lesbare Art Grundlagenwissen zum Überschallflug.

Kritische Auseinandersetzung

In insgesamt 11 von 15 Kapiteln stellt er die Geschichte des Überschallflugs dar. Dabei geht er mit dem Thema ziviler Überschallflug durchaus kritisch um. Die politischen Motivationen hinter den Projekten, der Wettlauf zwischen den USA, England und Frankreich und der Sowjetunion, werden kenntnisreich herausgearbeitet.

Spaeth beleuchtet in dem Buch auch manche, bereits fast in Vergessenheit geratene Aspekte. So  widmet beispielsweise der Lufthansa und ihrem Verhältnis zur Concorde ein ganzes Kapitel. Was viele Leser wahrscheinlich nicht wissen: Die Lufthansa hatte 1967 drei Optionen für das französisch-britische Überschall-Verkehrsflugzeug gezeichnet. Aber nach genauer Analyse des Flugzeugs und seiner Fähigkeiten kam die Airline zu der Erkenntnis, dass die Concorde nicht wirtschaftlich zu betreiben sei. Er zitiert den damaligen Lufthansa-Chef Herbert Culmann, der mehrfach gesagt hat: „Nennen Sie mir den Zeitpunkt, wann ich den Konkurs der Lufthansa anmelden soll, und ich sage Ihnen wie viele Concorde ich brauche.“

Ausführlich erklärt der Autor auch die Boeing- und Lockheed-Überschallprojekte Boeing 2707-100, Boeing 2707-300 und Lockheed L-2000 sowie die Tupolew Tu-144. Hier hat er seine große Erfahrung als Journalist ausgespielt und historisches Bildmaterial ausgegraben, was in dieser Zusammenstellung noch nicht gezeigt worden ist. Als Leser muss man dem Verlag dankbar sein, dass er sich bei diesem Buch für dieses Format entschieden hat, denn nur so kommt das Bildmaterial auch richtig zur Wirkung.

Bildmaterial vom Feinsten

Spaeth beschreibt auch seine eigenen Erfahrungen, die er als mehrfacher Passagier an Bord der Concorde gemacht hat. Dabei nimmt er den Leser mit ins Cockpit und erklärt lebhaft, aber detailliert, den Ablauf eines Fluges aus Sicht der Besatzung. Bei der Beschreibung der Kabine und des Services kokettiert er ein wenig mit den Prominenten, denen er an Bord des exklusiven Airliners begegnet ist. Aber das sei verziehen, denn es gibt einen Einblick in die Welt des Jet-Sets dieser Tage.

Dem Absturz der Concorde der Air France im Juli 2000, die (am Ende erfolglosen) Versuche der Industrie und der Airlines, den Überschall-Linienflugverkehr wieder zu etablieren und dem Ende der Concorde 2003 widmet Andreas Spaeth berechtigterweise ein ganzes Kapitel. Er greift dabei auf seine Recherchen und Erlebnisse zurück, die er damals für aktuelle Berichte angestellt hat und ergänzt sie um die heutige Sicht.

In vier Kapiteln beschäftigt der Autor sich mit der Zukunft des Überschall-Passagierflugs und stellt die aussichtsreichsten Projekte in diesem Segment vor. Aerion Supersonic AS2, Spike Aerospace S-512, Boom Overture, um nur die bedeutendsten zu nennen. Sehr ausführlich stellt er das Unternehmen Boom Supersonic aus Colorado vor und lässt dessen Gründer und Hauptgeschäftsführer (CEO) Blake Scholl zu Wort kommen. Dadurch bekommt man einen guten Eindruck über dessen persönlichen Antrieb, seine unkonventionellen Ideen und seine Lösungsansätze.

Dem Anspruch gerecht geworden

Das Buch ist rundum empfehlenswert. Natürlich gibt es bei einem solch umfangreichen Werk auch den einen oder anderen Fehler. Um den zu finden, muss man aber schon pedantisch genau lesen. Die Bell X-1 war beispielsweise anders, als der Autor es beschreibt, nicht pink lackiert, sie war orange. So hängt sie auch heute noch im Smithsonian in Washington, D.C. Aber diese Ungenauigkeit schadet dem Gesamteindruck des Werkes nicht, zumal es Fotos von der X-1 gibt, die so ausgeblichen sind, dass das Flugzeug rosa wirkt.

Seinem Anspruch, ein Buch zu präsentieren, welches den großen Zusammenhang des Phänomens ziviler Überschallflug erzählen will und dabei erstmals den Bogen von der Geschichte bis in die Zukunft spanne, ist Andreas Spaeth absolut gerecht geworden.

„Überschall-Passagierjets Vergangenheit • Zukunft“ ist im Motorbuch Verlag in Stuttgart erschienen. Das Buch hat 224 Seiten und kostet 29,90 Euro. Die ISBN-Nummer lautet: 978-3-613-04303-9.

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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