Ursprünglich hatte H55 geplant, 80 von 110 Stellen zu streichen. Nach Rücksprache mit den Mitarbeitern hat das Schweizer Start-up aber beschlossen, den Personalbestand um 54 Stellen zu reduzieren. Dieser Stellenabbau geht mit einer Neuausrichtung des Angebots einher. „Die Herausforderung unserer Branche besteht nicht mehr darin, zu beweisen, dass der Elektroantrieb funktioniert, sondern unsere Kunden bei ihrem Übergang von der Entwicklung zur kommerziellen Einführung zu begleiten. Die heute getroffenen Entscheidungen werden es H55 ermöglichen, seine Ressourcen auf die Bereiche zu konzentrieren, in denen unser Fachwissen den größten Mehrwert schaffen und langfristig die größte Wirkung erzielen kann“, erklärte André Borschberg, Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender von H55.
Seit acht Jahren arbeitet das Start-up an der Entwicklung von Lösungen zur Speicherung elektrischer Energie für die Luftfahrt. Es hat unter der Aufsicht der EASA erfolgreich die weltweit erste Testreihe zur Zertifizierung von Antriebsbatterien absolviert. H55 hat dabei einzigartiges Know-how unter Beweis gestellt. Nun steht das Unternehmen vor einer neuen Situation.
H55 war den OEMS deutlich voraus
Das Problem von H55 besteht darin, dass die Flugzeughersteller nicht im gleichen Tempo wie H55 vorangekommen sind, sondern unterwegs einen anderen Weg eingeschlagen haben – nämlich den der hybrid-elektrischen Antriebe. Daher muss H55 sein Angebot nun überarbeiten. „Flugzeughersteller, Antriebsintegratoren und Akteure aus dem Verteidigungssektor suchen zunehmend nach zertifizierbaren Lösungen für Energiespeicherung, hybrid-elektrischen Antrieb und Energiemanagement“, fasst Rob Solomon, Geschäftsführer von H55, zusammen.
Dieser Kurswechsel bedeutet aber für H55, dass neue Finanzmittel gefunden werden müssen, um diese neuen Entwicklungen auf den Weg zu bringen. „Wir müssen neue Investoren gewinnen, um weitermachen zu können“, erklärt André Borschberg in einem Interview mit dem Schweizer Sender RTS. „Wir müssen zeigen, dass es einen Markt gibt und dass dieser unsere Produkte nachfragt. Genau das tun wir gerade.“ Und da sich die Budgets unter den aktuellen Umständen zunehmend in Richtung Verteidigung verlagern, blickt auch André Borschberg in diese Richtung, betont jedoch, dass er sich eher im Bereich Transport als im Rüstungssektor positionieren wolle.
Parallel zu dieser strategischen Neuausrichtung und der damit verbundenen Mittelbeschaffung wird H55 seine bisherigen Aktivitäten in der Schweiz an zwei Standorten in Sion bündeln. Zum einen am Flughafen Sion, wo die Bereiche Geschäftsführung, Zertifizierung, Kundenbeziehungen, Programmmanagement und strategische Partnerschaften angesiedelt sein werden, zum anderen am Industriestandort Chandoline im Süden der Stadt, wo das Zentrum für Forschung und Entwicklung, Tests, Industrialisierung und Fertigung untergebracht sein wird. Darüber hinaus gab H55 nun bekannt, dass das Unternehmen „seine Präsenz in Kanada schrittweise ausbauen werde, sobald die Kundenprogramme konkretisiert werden, und sich dabei auf die bereits in Nordamerika etablierten industriellen und operativen Kapazitäten stützen wird.“
In den letzten acht Jahren hat das Schweizer Start-up mehrere Elektroflugzeuge entwickelt, gebaut und in die Luft gebracht und dabei mehr als 2.000 Flugstunden rein elektrisch ohne jegliche batteriebedingten Zwischenfälle absolviert. Auf der Grundlage dieser operativen Erfahrung beabsichtigt H55, „Zertifizierungsprogramme umzusetzen und sich nicht nur an diese zu halten“, sondern auch Investoren für sein Vorhaben zu gewinnen.
Gil Roy
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