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Digital & emotional: Wie der LSV Rietberg gut durch die Coronakrise kam

Wenn ein Luftsportverein gleichzeitig mit der Coronakrise und der Insolvenz seines Heimatflughafens zu kämpfen hat, dann zählen vor allem zwei Dinge: finanziell flüssig zu bleiben und den Kontakt zu den Mitgliedern zu halten.

5.07.2021

Während der harten Insolvenzphase am Flughafen Paderborn-Lippstadt wich der LSV Rietberg mit drei Flugzeugen zum Flugplatz Paderborn-Haxterberg aus. © LSV Rietberg

Finanziell flüssig bleiben und den Kontakt zu den Mitgliedern halten, sind die beiden Faktoren, die wichtig sind, wenn es einen Verein so erwischt, wie es der LSV Rietberg im vergangenen Jahr erlebt hat, findet Roland Damann, der 1. Vorsitzende des fast 500 Mitglieder großen LSV Rietberg am Flughafen Paderborn-Lippstadt (PAD). Zusammen mit dem erweiterten Vorstand erarbeitete er zu Beginn der Krise ein Corona-Konzept, dessen wichtigster Punkt Kommunikation ist. Und der Plan ging auf: Anstatt Mitglieder zu verlieren, gab es einen leichten Zuwachs. Die Flugzeugflotte wurde modernisiert, der Verein digitaler und zu einer „emotionalen Heimat“ für die Mitglieder. Wie viel menschliche Nähe trotz der Lockdown-Distanz möglich war, damit hatte selbst der Vorstand nicht gerechnet.

LSV Rietberg e.V.

„Cash is King!“, sagt Roland Damann. Deswegen begann alles mit dem Verkauf des ältesten Flugzeugs der Flotte. Der Erlös, den die Piper PA-28 Baujahr ’98 brachte, wurde gleich wieder investiert: „Mit dem Geld haben wir vier andere Flugzeuge auf Glascockpits umgerüstet.“  Das macht den Verein langfristig attraktiver für die vorhandenen Mitglieder und für neue, die in Corona-Zeiten keine Aufnahmegebühr zahlen. Außerdem war der Zeitpunkt, diese vier Maschinen aus dem Pool von insgesamt elf Flugzeugen zu nehmen, ideal, denn aufgrund der Corona-Beschränkungen gab es weder Reisen noch größere Ausflüge. Um alle Flieger langfristig in Schuss zu halten, wurde aus den normalen Vereinsmitteln ein weiterer Fluggerätemechaniker und ein Prüfer eingestellt. Mit den jetzt drei vereinseigenen Mechanikern, gab es beim Wartungsbetrieb in der eigenen Werft keine Einschränkungen.

Einzelflüge waren fast uneingeschränkt möglich

Anders sah es zunächst beim Flughafen Paderborn-Lippstadt aus. Während der ganz harten Insolvenzphase wich der Verein von März bis Mai 2020 mit drei Flugzeugen auf den 20 Kilometer entfernten Flugplatz Paderborn-Haxterberg (EDLR) aus. Danach fand der LSVR in Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung des Flughafens PAD Lösungen, die Einzelflüge fast uneingeschränkt ermöglichten. Und das unter einwandfreien hygienischen Bedingungen: „Eines unserer Mitglieder arbeitet in einen Reinigungsunternehmen und sponsert Desinfektionsmittel für unsere Flugzeuge.“Die Flugschule am Platz konnte die ganze Zeit mit Maske und später Maske und Test arbeiten. Prüfungen von Vereinspiloten gab es jedoch nicht. „Es sind mit Sicherheit Scheine verfallen, wir haben das aber nicht nachverfolgt,“sagt Damann. Deswegen ist dem 1. Vorsitzenden des LSVR trotz der intensiven Kommunikation mit den Mitgliedern nicht bekannt, ob das Luftfahrt-Bundesamt (LBA) die angekündigten Ausnahmen bei den Fristen gemacht hat. „Bei den Medicals gab es jedenfalls keine Ausnahmen“, sagt Damann. Die medizinischen Untersuchungen der Piloten fanden trotz Corona statt.

70 Teilnehmer beim Online-Clubabend

Die intensive Kommunikation, die zur wichtigsten Aufgabe des erweiterten Vorstands wurde, sollte in erster Linie die Truppe zusammenhalten. Der Vereinsnewsletter wurde laut Damann nun exzessiv versandt und lud unter anderem zu Online-Clubabenden ein. „Unsere analogen Clubabende sind ehrlich gesagt nie so richtig gut gelaufen. Da waren immer dieselben zehn Leute“, erinnert sich der 1. Vorsitzende. Die digitale Variante sorgte für eine positive Überraschung. Im Schnitt waren jetzt 30 Teilnehmer mit dabei. An guten Abenden sogar 70. Was auch daran lag, dass Mitglieder, die normalerweise eine weite Anreise gehabt hätten, online mal eben „vorbeikommen“ und auch lange bleiben konnten: „Es ging um 19 Uhr los und um 23 Uhr wollten die Leute immer noch nicht weg.“ Geboten wurden Vorträge zum Wetter, Avionik-Updates, Human Factors im Cockpit, IFR-Fliegen und Berichte von selbst erlebten, kritischen Flugsituationen, für die gemeinsam Lösungen besprochen wurden. „Mit Hand heben, Stummschalten und selbst gemachtem Kartoffelsalat klappte das auch bei vielen Teilnehmern erstaunlich gut“, findet Damann.

Für Einzelunterhaltung, wann es einem zeitlich gerade reinpasst, produzierte Vereinsmitglied Dirk Linn regelmäßig neue Videos aus Material von vergangenen Reisen und Ausflügen. Nach einem Blick auf die Abrufzahlen im Members-Bereich der LSVR-Webseite und bei YouTube, findet der 1. Vorsitzende, dass „die Leute einen unglaublichen Schmacht nach solchen Geschichten haben“.

Wenn keine Filmchen geguckt wurden, dann lief die Chat-Gruppe heiß. „Weiß jemand, ob ich heute nach Wangerooge fliegen kann?“, war eine Frage, bei der der Pilot nicht lange auf reichlich Tipps und Unterstützung warten musste.

Geht auch digital: Die Jahreshauptversammlung

Die digitale Krönung, war die erste Online-Jahreshauptversammlung (JHV), an der 86 Mitglieder teilnahmen. Dabei war erstmal fraglich, ob die JHV online überhaupt zulässig ist. „Wir haben das im Vorfeld mit der AOPA und unserem vereinseigenen Rechtsanwalt besprochen und rechtssicher gemacht“, betont Damann. Wichtig war, den Mitgliedern die Abstimmung zu ermöglichen: „Wir haben die Plattform Zoom genutzt, wo sich unsere Mitglieder vorab zu registrieren hatten und dann nach Eingabe eines persönlichen Passworts anonym abstimmen konnten.“

Das Beste jedoch war für Roland Damann sein Vortrag. Normalerweise guckt er dabei auf die Präsentation auf seinem Bildschirm oder irgendwo in den Raum: „Jetzt konnte ich in die Gesichter aller Teilnehmer sehen. Was Performance und Emotionsdichte betrifft, war das für mich die beste Jahreshauptversammlung der vergangenen 20 Jahre.“ Deswegen wurde die Online-Durchführung der JHV bei der Gelegenheit gleich mit in die Vereinssatzung aufgenommen.

Am tiefsten ging die Kommunikation bei den vielen Anrufen, die die Vorstandsmitglieder führten. „Bei den Telefonaten wurden auch Gefühlslagen kommuniziert. Ich habe mich zeitweise wie eine Art Vereinstherapeut gefühlt“, berichtet Damann, der für das ein oder andere gute Gespräch selbst auch dankbar war. Wenn er in dem fliegerisch schwachen und emotional starken Jahr als 1. Vorsitzender des LSV Rietberg eines gelernt hat, dann ist es, „dass der Verein mehr ist, als sich mal eben ein Flugzeug zu holen und zu fliegen. Für viele ist er eine emotionale Heimat.“

Um den neuen, guten Draht zu den fast 500 Mitgliedern nicht zu verlieren, plant der Vereinsvorstand für die Zeit nach Corona unter anderem hybride Clubabende, die analog und digital stattfinden. Damanns Tipp für andere Vereine ist ganz eindeutig: „Verliert nicht den Draht zu euren Mitgliedern. Tretet die Flucht nach vorne an und ruft die Leute an!“

Heiko Link

 

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Heiko Link ist Journalist und Podcaster, der in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht. Seine bevorzugte Berichtsform ist die humorvolle Reportage, die er am liebsten über Flugzeug-Selbstbauer schreibt. Baugeschichten und technische Themen begeistern ihn in der Luftfahrt und auch am Boden, beim Hoch- und Tiefbau. Fliegerische Erfahrung hat der Ostwestfale als Drachen-, Gleitschirm- und UL-Pilot gesammelt.

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