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Ein Stück Raumfahrt-Geschichte am Handgelenk

Eine Armbanduhr, die nicht nur ästhetisch und funktional ist, sondern auch aufgrund ihrer Geschichte Emotionen weckt: Dieses Ziel verfolgt das Schweizer Unternehmen Werenbach mit seinen Weltraumuhren. Jede Uhr ist eine Besonderheit, und auch die Geschichte der Firma ist so einzigartig wie die Uhren selbst.

9.10.2020

Patrick Hohmann sammelt die Raketenteile, die er für seine Uhren verarbeitet, persönlich in der kasachischen Steppe ein. Hier kniet er vor dem Antrieb der Rakete des Sojus-Fluges MS-02. © Werenbach

Patrick Hohmann kommen die besten Ideen beim Joggen. So war es auch im April 2010. Seine Lieblingsuhr zu diesem Zeitpunkt war die Omega Speedmaster, erzählt im Gespräch mit Aerobuzz.de, die berühmte Uhr, die US-Astronauten der Apollo-Missionen bei ihren Flügen und ihren Spaziergängen auf dem Mond getragen haben. Warum kann man keine Uhr aus den Überresten der Raketen fertigen, fragte er sich. „Eine Uhr aus einer echten Rakete zu fertigen, das wäre doch noch viel toller, faszinierender und emotionaler“, dachte er. Und da er sich schon immer hatte selbstständig machen wollen, kündigte er seinen Job und „stürzte sich in das Abenteuer“, wie er es in der Nachbetrachtung beschreibt.

Werenbach: Uhren aus Raketenteilen

Hohmann recherchierte und suchte nach Möglichkeiten, echte Raketenteile legal zu erwerben. Doch keine Tür wollte sich öffnen. Dann sah er zufällig einen Dokumentarfilm über einen Metallsammler in der kasachischen Steppe, der nach jedem Start in Baikonur die Überreste der zur Erde zurückgestürzten Raketenbooster und der Verkleidungen sammelt. Da erkannte er die Tür, die ihm Zutritt zu seinem Traumprojekt verschaffen könnte.

Er flog nach Kasachstan, traf sich dort mit verschiedenen Menschen, die ihm alle abrieten: „Vergiss es, das wird niemals funktionieren.“ Doch niemand hatte mit der Hartnäckigkeit des Schweizers gerechnet, der sich auch von vielen Rückschlägen nicht entmutigen ließ. Kurzum: Er gewann das Vertrauen der Behördenvertreter und erhielt am Ende tatsächlich die Erlaubnis, Raketenteile in der kasachischen Steppe zu sammeln, um sie legal aus Kasachstan aus- und in die Schweiz einzuführen. „Wenn ich Material beschaffe, dann gehe ich immer persönlich runter“, erzählt er.

Produktion im Mini-Atelier

Er begann mit der Produktion seiner ersten Kollektion in einem 8 Quadratmeter kleinen Atelier in Zürich. Im Herbst 2013 war die erste Uhr aus dem Atelier Werenbach aus Teilen einer Weltraumrakete fertig. Die Uhren sind alle Swiss Made und nutzen Schweizer Uhrwerke. Sie werden nur in kleinen Stückzahlen gefertigt.

Die erste Kollektion war die Soyuz Collection. Bei den Uhren dieser Serie sind sowohl das Zifferblatt als auch das Uhrengehäuse aus dem Material einer Rakete gefertigt. Die Farbe des Zifferblattes spiegelt die Herkunft des Materials wider: Ein olives Zifferblatt stammt vom Booster, wenn es orange ist, stammt es vom Triebwerk und wenn es weiß ist, stammt es von der Verkleidung. „Die Zifferblätter werden direkt und von Hand aus der Rakete geschnitten. In einem mehrstufigen, feinmechanischen Prozess werden anschließend aus rohen Raketenteilen präzise Zifferblätter. Während der Produktion werden diese aufgrund unterschiedlicher Gebrauchsspuren mehrfach selektiert“, berichtet Hohmann. Da er bei der Bergung der Teile persönlich dabei ist, kann er jedes Raketenteil eindeutig einem bestimmten Raketenstart zuordnen.

Als zweite Kollektion brachte die Firma die Leonov Collection auf den Markt, benannt nach dem russischen Kosmonauten Alexei Leonow, dem ersten Menschen, der einen Weltraumspaziergang unternommen hatte. Mit einer ersten Crowdfunding-Aktion gelang der Firma 2017 der Durchbruch.

Für ein breiteres Publikum gedacht sind die Uhren der Mach 33 Kollektion mit Quarz-Uhrwerk. Sie liegen preislich deutlich unter denen der vorhergehenden Kollektionen, aber sie enthalten im Zifferblatt ein besonderes Stück Raumfahrtgeschichte, nämlich jeweils ein Plättchen der Sojus-Rakete, mit der Alexander Gerst am 6. Juni 2018 zur ISS geflogen war.

Werenbach finanziert die Produktion der Soyuz 01-Serie durch Crowdfunding. Das Foto zeigt die Soyuz 01 Superlative Deep Black. © Werenbach

Im September dieses Jahres startete Werenbach eine weitere Crowdfunding-Initiative, um die Produktion der neuen Raketenuhren namens Soyuz 01 und Soyuz 01 Superlative zu finanzieren und den Sprung vom Uhrenatelier zur anerkannten Schweizer Uhrenmarke zu machen. Die Firma hatte sich das Ziel gesetzt, bis Ende Oktober dieses Jahres 60.000 Schweizer Franken zu sammeln. Dieses Ziel wurde bereits zwei Minuten nach Eröffnung der Crowdfunding-Aktion erreicht. Teilnehmer an der Aktion erhalten einen großzügigen Rabatt auf die Soyuz 01-Uhren. Die Uhren gibt es in verschiedenen Ausführungen. Sie erhalten ein hochwertigstes Schweizer Mechanik-Uhrwerk Soprod Newton oder Sellita SW-200 und verfügen über ein Zifferblatt mit 3D-Prodil aus reinem Raketenaluminium. Das stammt ebenfalls von dem Sojus-Flug MS-09, mit dem Gerst 2018 zur ISS geflogen war.

Die Uhren sind mit einer fünfjährigen Garantie versehen. Sie müssen aber erst noch produziert werden. Angesichts des großen Erfolgs der Crowdfunding-Aktion ist dies aber gesichert. Als voraussichtlichen Liefertermin für die ersten Soyuz 01-Uhren nennt Patrick Hohmann den April 2021. Dann hat er vielleicht wieder etwas mehr Zeit zum Joggen, und wer weiß, welche Idee ihm dann in den Sinn kommt.

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er berichtet seit über 30 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla ist seit 2016 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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