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NHIndustries hat den 500. NH90 ausgeliefert

Die französischen Heeresflieger haben den 500. NH90 im Rahmen einer Zeremonie im Werk von Airbus im französischen Marignane in Empfang genommen. Das multinationale Programm steht vor Herausforderungen, da sich einige Kunden von ihren bereits erworbenen NH90 trennen werden beziehungsweise wollen. Doch der Hersteller hat Norwegen ein Angebot unterbreitet, das das Land eigentlich nicht ablehnen kann.

17.03.2023

NHIndustries hat am 17. März 2023 den 500. NH90-Hubschrauber an einen Kunden ausgeliefert. © Volker K. Thomalla

Das Hubschrauber-Konsortium NHIndustries hat heute im Airbus-Werk in Marignane in Südfrankreich das 500. Exemplar des Militärhubschraubers NH90 ausgeliefert. Der NH90 TTH mit dem taktischen Kennzeichen wurde an die französischen Heeresflieger ALAT (Aviation légère de l’armee de Terre) übergeben, die den Hubschrauber direkt nach der Zeremonie mit einem Fly-out zu seinem künftigen Stützpunkt Étain westlich von Metz überführten.

Übergabe 500. NH90 in Marignane

Bei dem Hubschrauber handelt es sich um das 58. Exemplar für die ALAT. Das französische Heer hat insgesamt 74 Exemplare in Auftrag gegeben. Die letzten zehn NH90 aus dieser Bestellung werden eine Sonderversion des NH90 darstellen, da sie für die französischen Spezialeinsatzkräfte vorgesehen sind.

Der NH90 hat Geschichte geschrieben. Der Erstflug des Prototyps fand schon am 18. Dezember 1995 statt, der  Erstflug des zweiten Prototyps 1997. Letzterer war der erste Militärhubschrauber weltweit, der mit einer Fly-by-Wire-Flugsteuerung ausgerüstet war.

Airbus Helicopters, Leonardo Helicopters und Fokker sind an dem NHIndustries-Konsortium beteiligt. Zu den Kunden des Musters gehören Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, Norwegen, die Niederlande, Finnland, Griechenland, Neuseeland, Australien, Spanien, Schweden und Katar.

24 verschiedene Konfigurationen

Die bislang ausgelieferten NH90 aller Versionen – es gibt 24 verschiedene Konfigurationen – haben nach Angaben von Axel Aloccio, dem Präsidenten von NHIndustries, bislang über 370.000 Flugstunden gesammelt und fliegen pro Jahr rund 40.000 Flugstunden.

Allerdings sind nicht alle Kunden mit dem Muster zufrieden. Australien hat sich entschlossen, seine MRH90 Taipan – die australische Version des NH90 TTH – außer Dienst zu stellen und durch UH-60M Black Hawk zu ersetzen. Norwegen hatte im Juni vergangenen Jahres seine NH90-Flotte von einem auf den anderen Tag außer Dienst gestellt und mit deutlichen Worten angekündigt, die Helikopter dem Hersteller zurückgeben zu wollen – gegen Rückzahlung sämtlicher Kosten, die im Zusammenhang mit der NH90-Beschaffung entstanden seien. Auch in Schweden droht dem Muster Ungemach, denn eine schwedische Regierungskommission hat im vergangenen Jahr die Empfehlung ausgesprochen, die NH90 des Landes auszumustern, da die Zuverlässigkeit und der Klarstand nicht den Vorstellungen entsprächen. Allerdings hat die schwedische Regierung noch keine endgültige Entscheidung getroffen, ob sie das Muster im Dienst halten will oder nicht.

Axel Aloccio sagte im Gespräch mit Aerobuzz, man sei in intensiven Gesprächen mit den Kunden und werde Australien in der Zeit des Übergangs auf das andere Muster auch weiterhin unterstützen. Er rechnet mit einer mehrjährigen Übergangsphase. Das Unternehmen kann sich nach Angaben von Mathieu Louvot, dem Executive Vice President of Airbus Helicopters Programmes, vorstellen, die australischen MRH90 Taipan zu erwerben und sie als Ersatzteilspender auszuschlachten, um die angespannte Lage bei der Ersatzteilversorgung der restlichen NH90-Flotte zu entspannen. Aber die Entscheidung darüber, was mit den Hubschrauber geschehe, liege natürlich bei Australien.

Attraktives Angebot an Norwegen

Mit Norwegen sei man ebenfalls in intensiven Gesprächen, so Louvot. NHIndustries hat nach seinen Angaben Norwegen angeboten, alle technischen Defizite, die Norwegen an dem Muster bemängelt, kostenfrei für den Kunden zu beheben. Außerdem habe man angeboten, in Zusammenarbeit mit lokalen Firmen mehr Servicepersonal für die NH90 in Norwegen zur Verfügung zu stellen. Sowohl ökonomisch als auch aus operationeller Sicht ergebe es keinen Sinn für Norwegen, die NH90 gegen ein neues Muster auszutauschen. Norwegen benötigt insgesamt 14 Helikopter, um die Aufgaben der NH90 bei der Küstenwache und der Marine zu ersetzen. Die angekündigte Beschaffung von sechs Hubschraubern eines anderen Herstellers – gemeint ist die MH-60R Seahawk von Sikorsky Aircraft (Anmerkung der Redaktion) – koste allein 1,4 Milliarden US-Dollar, der Ersatz von 14 Hubschraubern werde rund 3,0 Milliarden Dollar kosten. Demgegenüber stehe das Angebot von NHIndustries, die technischen Probleme, die Norwegen mit dem Muster habe, kostenlos zu beheben.

Zusätzlich zu den Beschaffungskosten kämen ja auch noch Kosten für die Ausbildung der Besatzungen und der Techniker, die Anpassung der Infrastruktur und die Beschaffung von Ersatzteilen hinzu.

Die Manager führen den schlechten Klarstand der NH90-Flotte – er liegt global derzeit bei knapp unter 50 Prozent – vor allem auf Probleme mit den Lieferketten zurück. Daran arbeite man mit den Zulieferern mit Hochdruck, vor allem, weil die Kunden dem Hersteller klar kommuniziert hätten, dass sie ihre NH90 intensiver nutzen wollten. Bis Ende der 2020er Jahre wollen sie 80.000 Stunden pro Jahr fliegen und nicht 40.000 wie heute.

Der Klarstand der NH90 in Katar liegt bei 80 Prozent. © NHIndustries/Anthony Pecchi

In Bezug auf den Klarstand lobte Louvot die Einführung des NH90 bei den Streitkräften von Katar. Sie hätten schon über 1.000 Stunden absolviert, und die NH90 hätten bei der Sicherung der Fußball-WM im vergangenen Dezember wichtige Dienste geleistet. Dabei hatte das Emirat erst ein Jahr zuvor die erste NH90 TTH in Empfang genommen. Der Klarstand der NH90 in Katar liege derzeit bei 80 Prozent.

Bei der Übergabe der 500. NH90 in Marignane sagte Bruno Even, der CEO (Hauptgeschäftsführer) von Airbus Helicopters: „Der NH90 ist das Ergebnis von starken Partnerschaften. Er hat sich als Hubschrauber auf den Schauplätzen im Irak, in Afghanistan, im Golf von Aden, in Mali und Niger in den verschiedenen Rollen bewährt. Ich weiß um die Erwartungen und die Frustration unserer Kunden. Die notwendigen strukturellen Änderungen für eine Verbesserung sind jetzt eingerichtet.“

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er wurde 2021 mit dem Aerospace Media Award (Kategorie Business Aviation) ausgezeichnet. Er berichtet seit 40 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla war zwischen 2016 und 2020 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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