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Ingenieure, Technische Zeichner oder Technische Einkäufer mit Diplom, Master oder besserem Abschluss, findet Sebastian Micus von der RotorSchmiede/RS Helikopter GmbH über Stellenanzeigen bei der Agentur für Arbeit. Acht bis zehn qualifizierte Kandidaten pro Ausschreibung, „zaubert“ der Assistent der Geschäftsleitung so herbei.

14.09.2022

Die RotorSchmiede entwickelt und produziert ein- und doppelsitzige, ultraleichte Koaxialhubschrauber. © RS Helikopter GmbH

Vom „Fachkräftemangel“ möchte Sebastian Micus nicht sprechen. Für den 29-Jährigen hat dieses Wort einen zu negativen Klang: „Ich würde eher von einem Arbeitnehmermarkt sprechen. Die Arbeitnehmer können sich mehr aussuchen, wo sie arbeiten möchten, und die Arbeitgeber müssen sich mehr anstrengen.“  Wobei die RotorSchmiede in der glücklichen Lage zu sein scheint, dass es sich mit der Anstrengung in Grenzen hält. Mit ein paar Klicks sind Stellenanzeigen bei der Agentur für Arbeit hochgeladen, von wo aus die kostenlosen Anzeigen dann automatisch auf weitere Portale verteilt werden. Dazu kommt einmal monatlich ein freundliches Telefonat mit einem Mitarbeiter der Agentur in Gifhorn, der sich nach dem Stand der Dinge erkundigt, sowie regelmäßige, elektronische Abfragen des Erfolgs. Die Rückläufe sind so zufriedenstellend, dass man bei der RotorSchmiede aktuell überlegt, Stellen doppelt zu besetzen.

Sebastian Micus ist Assisten der Geschäftsleitung der RotorSchmiede/RS Helikopter GmbH. © RS Helikopter GmbH

Die RotorSchmiede/RS Helikopter GmbH stellt ein- und doppelsitzige, ultraleichte Koaxial-Helikopter her. Etwa 120 Mitarbeiter arbeiten für das jung-dynamische Unternehmen, das seit sieben Jahren am Markt ist. Am Hauptsitz in München arbeiten nur der Geschäftsführer und sein Assistent. Fünf weitere Mitarbeiter arbeiten in Russland und knapp 100 in China, wo die Serienfertigung der Helikopter angesiedelt ist. Gesucht werden seit Juni Technische Einkäufer und Technische Zeichner für den zwischen Hannover und Wolfsburg gelegenen Standort in Wesendorf, wo von derzeit 15 Mitarbeitern die Prototypen gefertigt werden. Dieser Standort scheint klug ausgewählt und ein Teil des Erfolgsgeheimnisses zu sein, denn durch die Automobilindustrie in dieser Region, ist passendes Personal vor Ort.

Kandidaten mit Diplom, Master oder MBA

Warum die hochqualifizierten Menschen übers Arbeitsamt kommen, und nicht vorher von Headhuntern oder über ihre Netzwerke abgeworben werden, das kann sich Micus auch nicht erklären: „Ich war positiv überrascht. Es haben sich wirklich sehr aussichtsreiche Kandidaten gemeldet, davon über die Hälfte mit Diplom, Master oder MBA.“ Sogar aus dem nicht-europäischen Ausland kommen Kandidaten, die aufgrund von fehlenden Sprachkenntnissen in der Regel aber nicht infrage kommen. „Als jung-dynamisches Unternehmen sind wir stark auf Kommunikation angewiesen. Man muss sich über ein Bauteil, das angepasst werden soll, austauschen können. Ansonsten ist die Ausführung schwierig“, findet  Micus.

Multitalent statt „Außenspiegel-Beauftragter“

Ob die jung-dynamische RotorSchmiede beim Gehalt mit Autokonzernen mithalten kann, dazu wollte sich der Assistent der Geschäftsleitung, der selbst noch recht neu bei seinem Arbeitgeber ist, nicht äußern. Es entsteht der Eindruck, dass die Verdienstmöglichkeiten so schlecht nicht sein können. Trotzdem punktet das kleine Unternehmen bei den Konzern-Ingenieuren mit anderen Dingen: „Bei uns kümmert sich ein Ingenieur nicht nur um den Außenspiegel, sondern um das ganze Produkt. Man wird eher zum Multitalent ausgebildet.“ Außerdem können neben der Begeisterung für das Produkt, eigene Wünsche und Ideen besser eingebracht werden. Das Arbeitsumfeld beschreibt der Assistent der Geschäftsführung als eigenverantwortlich und dynamisch. Und die Arbeitszeiten sind – auch wenn Mitarbeiter natürlich gleichzeitig anwesend sein müssen – flexibler und frei von einer festen Kernarbeitszeit.

Neben den Stellenanzeigen werden Fachkräfte auch über studentische Hilfskräfte aus Ingenieurs-Studiengängen rekrutiert: „Die arbeiten bei uns in Teilzeit und können so ihre theoretischen Kenntnisse in der Praxis anwenden.“ Wenn die Zusammenarbeit gut läuft, dann kann daraus auch eine Weiterbeschäftigung werden. Um diesen Rekrutierungsweg noch auszubauen, sind für die Zukunft Forschungsprojekte an Universitäten geplant: „Das sind mit öffentlichen Mitteln geförderte Projekte, in denen die Studenten an Arbeitspaketen der Firma und der Uni arbeiten.“ Wobei die Personalsuche der RotorSchmiede sich nicht allein auf Akademiker beschränkt: Bei Fluggerätmechanikern, Schweißern und Lageristen geht’s auch ohne Uni-Abschluss.

Über Geld wird gesondert gesprochen

Der Einstellungsprozess an sich, gestaltet sich kurz und knackig. Eingereicht werden laut Micus die klassischen Unterlagen: „Das Anschreiben lese ich immer.“  Der Lebenslauf wird eher überflogen, wobei kurze Stationen Anlass geben, um beim Kandidaten mal genauer nachzufragen. „Mein Tipp an Kandidaten ist, möglichst alles in einer Datei zusammenzufassen, damit man runterscrollen kann und nicht acht verschiedene Anhänge beizufügen“, rät Sebastian Micus.

Da mit Micus der Interviewer knapp 650 Kilometer entfernt vom Arbeitsort wohnt, findet das erste Vorstellungsgespräch in der Regel online statt: „Wenn ich gerade in der Gegend bin, dann entfällt das Online-Interview und wir sprechen direkt miteinander.“ Auf jedes Online-Interview folgt immer noch mal ein etwa einstündiges, persönliches Gespräch. Danach treffen sich die Kandidaten in einer dritten Runde mit dem Geschäftsführer der RotorSchmiede, um über Geld zu sprechen.

Im Vorstellungsgespräch freut sich Micus, wenn Bewerber Fragen stellen: „Das ist immer gut, weil es zeigt, dass sich jemand mit dem Unternehmen beschäftigt hat.“ Seine wichtigste Frage an die Kandidaten ist die, nach der Berufserfahrung: „Darüber möchte ich aufgeklärt werden.“ Was der 29-jährige Interviewer auch wissen will, ist, ob sich der Bewerber vorstellen kann, im jeweiligen Aufgabengebiet zu arbeiten. Außerdem interessiert er sich für die Stärken und Schwächen des Kandidaten, „und ich möchte wissen, ob sich jemand noch woanders beworben hat.“  Die bisher coolste oder vielleicht ehrlichste Antwort auf die Frage nach den Schwächen des Kandidaten war nicht etwa „Ungeduld“ mit Augenzwinkern, sondern: „Schlechte Kommunikation mit dem Boss.“ Mit der Einstellung hat es dann nicht geklappt.

Technische Zeichner bekommen zusätzlich eine Aufgabe, die sie vielleicht noch aus der Uni kennen: Den Bewerbern wird ein Bauteil gezeigt, das sie anschauen und abmessen dürfen, so lange sie wollen. Auch Fotos zu machen ist erlaubt: „Die Kandidaten haben dann eine Woche Zeit, um uns eine Zeichnung davon zu schicken.“

Kurze Episoden im Lebenslauf brauchen gute Gründe

Bei den Auswahlkriterien in Zeiten eines Arbeitnehmermarktes, steht bei der RotorSchmiede/RS Helikopter GmbH der Teamfit im Vordergrund: „Der ist natürlich elementar, wir machen aber keine Gruppenaktion mit demokratischer Abstimmung davon.“ Trotzdem lernen sich alle kurz kennen: „Beim Vor-Ort-Interview machen wir mit jedem Kandidaten einen Rundgang, bei dem er auch das Team kennenlernen kann.“ Des Weiteren wird je nach ausgeschriebener Stelle anhand von Ausbildung, Berufserfahrung und technischem Verständnis ausgewählt. „Bei Einkäufern ist auch Kommunikationsfähigkeit wichtig, weil die viel telefonieren“, berichtet Micus. Wichtig bei der Auswahl ist wie bereits erwähnt Konstanz im Lebenslauf. Kurze Episoden führen bei Micus zu der Frage, ob der Kandidat den Job, auf den er sich gerade bewirbt, wohl auch schnell wieder verlassen wird?

Was so gar nicht funktioniert bei der RotorSchmiede/RS Helikopter GmbH, sind Stellenanzeigen auf der eigenen Firmenwebseite. „Da kommt nichts. Wir haben wohl eine zu geringe Reichweite“, bedauert Sebastian Micus, der selbst, als er an der Uni promovierte, durch einen persönlichen Kontakt zu seinem Arbeitgeber kam. Eine Karriere in der ultraleichten Helikopterbranche, haben wechselwillige Autokonzern-Mitarbeiter aus dem Raum Hannover/Wolfsburg bei Ihrer Internetsuche vermutlich auch nicht als erstes auf dem Schirm.

Heiko Link

 

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Über Heiko Link

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Heiko Link ist Journalist und Podcaster, der in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht. Seine bevorzugte Berichtsform ist die humorvolle Reportage, die er am liebsten über Flugzeug-Selbstbauer schreibt. Baugeschichten und technische Themen begeistern ihn in der Luftfahrt und auch am Boden, beim Hoch- und Tiefbau. Fliegerische Erfahrung hat der Ostwestfale als Drachen-, Gleitschirm- und UL-Pilot gesammelt.

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