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Otto Lilienthal starb vor 125 Jahren: Der Traum vom Fliegen

Heute vor 125 Jahren starb der Flugpionier Otto Lilienthal an den Folgen eines Absturzes mit seinem Flug-Apparates. Unser Autor verehrte ihn als Kind so sehr, dass er seinerzeit allerlei abenteuerliche Versuche anstellte, um selbst abzuheben. Eine Hommage an Kindheit, Freiheit, Fliegerei, Träumerei und Otto Lilienthal.

10.08.2021

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Der Luftfahrtpionier Otto Lilienthal starb am 10. August 1896 nach dem Absturz mit seinem selbst gebauten Flug-Apparat. Er inspirierte Aerobuzz-Autor Meiko Haselhorst zu manchem Abenteuer. Zeichnung: Solveigh Dunkel

Da stand ich also auf der Dachkante unserer Garage und schaute den Mücken zu, die in der Abendsonne tanzten. Neun Jahre alt und von einem seltsamen Gestell aus Dachlatten und transparenter Folie umgeben. Im Nachbargarten lief noch ein Schlager im Radio. Doch Onkel Heinz mit seinem Rasenmäher war längst verschwunden, keiner konnte mich jetzt noch aufhalten. Kurz überlegte ich, wie ich die dunkle Wand aus serbischen Fichten würde überwinden können, die sich ein paar Meter vor mir erhob. Dann sprang ich.

Angefangen hatte alles im Jahr 1980 – mit dem Bordmagazin der Condor-Boeing 727, die uns gerade nach Fuerteventura brachte. Lesen konnte ich als Grundschüler in spe noch nicht, aber die Bilder zur kleinen Chronologie der Luftfahrt faszinierten mich. Eine Darstellung von Ikarus und Dädalus, die berühmten Zeichnungen von Leonardo da Vinci, der prächtige Ballon der Gebrüder Montgolfier, Lilienthals fledermausartiger Hängegleiter und der motorisierte Doppeldecker der Wright-Brüder in den Dünen von Kitty Hawk. Meine Eltern erklärten mir, was es mit den Bildern auf sich hatte – und der Urlaub gestaltete sich für uns alle als recht monothematisch.

Auch zuhause sah ich mir das bald zerfledderte Heft jeden Abend im Bett an. Meine Eltern lasen mir daraus vor. „Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit selbst“ – eine ziemliche Phrase wurde zu meinem Lieblingssatz. Schnell konnte ich das Magazin auswendig.

Selber zu fliegen ist am schönsten

Irgendwann beschloss ich: „Ich muss das mit dem Fliegen jetzt selbst ausprobieren!“ Und ich wusste auch schon wie: Ich klemmte ein Brett unter den Gepäckträger meines kleinen Fahrrads und strampelte damit eine abschüssige Straße in der Nähe meines Elternhauses hinab. Ungeachtet der Tatsache, dass ich gerade erst gelernt hatte, ohne Stützräder zu fahren, traute ich mir durchaus schon zu, mit meinem Fahrrad abzuheben, in vier bis fünf Metern Höhe durch die Birken am Straßenrand nach rechts abzudrehen und über den mohn- und kornblumenbestandenen Feldern, Wiesen und Siedlungen meines ostwestfälischen Heimatortes ein paar Runden zu drehen. So wie ich das in meinen nächtlichen Träumen schon seit jeher tat, auch ganz ohne Fahrrad. Einfach nur die Arme ausbreiten, Anlauf nehmen und starten.

Ich musste allerdings sehr bald feststellen, dass das mit dem Fahrrad nicht so einfach war. Nachdem ich mit meinen Tragflächen aus ungehobelter Fichte die Fahrertür eines am Straßenrand geparkten Sportwagens touchiert hatte und dabei auch selbst nicht ganz schmerzfrei davongekommen war (immerhin hatte ich mich für eine knappe Sekunde tatsächlich in der Luft befunden), stellte ich meine Flugversuche für ein Weilchen ein.

Im Sommer danach kam mir die Sache mit dem Fahrrad geradezu albern vor. Stattdessen hatte ich im Geiste eine Art Paragleiter entworfen, dessen Bau ich nun mithilfe einer Freundin aus der Nachbarschaft anzugehen gedachte. Kerstins Beitrag bestand zunächst in der Materialbeschaffung. „Wir brauchen eine Tischdecke oder etwas Ähnliches. Und jede Menge Schnur. Dann müsste es klappen“, erklärte ich mit angemessener Ernsthaftigkeit. Schon wenig später kam Kerstin wieder: „Geht ein Bettlaken auch?“, fragte sie. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel.

Ein Bettlaken wird zur Bespannung

Einen ganzen Vormittag brachten wir damit zu, an den richtigen Stellen Löcher in das Laken zu schneiden und Strippen zu ziehen. Nach dem Mittagessen wagten wir es. Ich legte mir die Schnur um den Bauch, das Laken im Schlepptau. „Du musst es aber richtig hochhalten und die ersten paar Meter mitlaufen“, wies ich meine Gehilfin an, die so gerne Copilotin gewesen wäre, auf mein Geheiß aber erst mal am Boden blieb. Im Geiste winkte ich bereits der staunenden Menge zu, die sich weit unter mir versammeln und aufgeregt nach oben zeigen würde.

Zwei Stunden später – Steine, Disteln und andere Hindernisse auf unserer Startwiese hatten dem Laken arg zugesetzt, die Schnur war auch schon einige Male geflickt worden – mussten wir dann aber doch einsehen: „Es klappt nicht, irgendetwas fehlt.“ Auch Kerstin hob trotz größter Anstrengung nicht ab. „Es ist nicht windig genug“, sagte ich fachmännisch. Kerstin nickte. Es wurde auch in den Tagen und Wochen danach nicht windig genug.

Mit neun Jahren konnte ich schon ganz gut lesen. In C.C. Bergius‘ Buch „Die Straße der Piloten“ – meine Eltern hatten es mir geschenkt – fand ich mein erstes echtes Idol: Otto Lilienthal, der coole Typ mit dem Piratentuch auf dem Kopf, jedenfalls trug er das auf meinem Lieblingsbild.

Der Fotograf Carl Kassner nahm 1891 einige Fotos von den Flügen von Otto Lilienthal auf. Sie gelten als die ersten Fotos von Menschen, die mit einem Fluggerät fliegen, das schwerer als Luft ist.

Im nächsten Sommer war die Zeit reif für einen eigenen Hängegleiter. Kerstin hatte keine Lust mehr auf die Fliegerei, auch helfen wollte sie nicht mehr. Nachbarjunge Jörg hingegen, drei Jahre jünger als ich, ließ sich von meinem Enthusiasmus noch anstecken – und von der Aussicht, mit dem Gleiter an den Gardasee zu fliegen, wo er mit seinen Eltern schon mal im Urlaub gewesen war.

Eine Tragflächenkonstruktion aus Dachlatten war schnell gebaut, Spannweite etwa drei Meter. Und sogar ein richtiges Leitwerk hatten wir hinbekommen. „Das sieht ja richtig nach Flugzeug aus“, lobte uns Onkel Gottfried, Jörgs Vater. Wir platzten vor Stolz.

Und der Clou sollte erst noch kommen: Mittlerweile wusste ich nämlich, dass Tragflächen gewölbt sein müssen, um Auftrieb zu erzeugen. Dafür nagelten wir im vorderen Tragflächendrittel ein paar Besenstiele längs über die Flügel. Als Bespannung diente uns die Folie, mit der mein Vater im Spätherbst unsere Vogelvoliere winterfest machen wollte. „Der Herbst ist noch weit“, schmetterte ich Jörgs Bedenken ab.

Vielleicht hilft ein Sprung von der Garage?

Dann war’s soweit. Unter den neugierigen Blicken der Nachbarn transportierten wir unseren Flieger auf jene abschüssige Straße, auf der ich mit meinem Fahrrad schon mal durchgestartet war. Oder fast. „Die werden gleich noch viel mehr staunen“, versprach ich meinem Compagnon.

Es waren kaum zehn Minuten vergangen, da musste ich selbst staunen: Wie schwer so ein Gleiter aus Holz und Folie doch sein kann, wenn man ihn alleine tragen und damit die Straße hinabrennen muss. Sehr schnell bekam ich „lange Arme“. Leider nicht lang genug zum Fliegen.

„Vielleicht müssen wir damit von der Garage springen“, sagte ich zu Jörg, als wir wieder zuhause waren. In gewisser Hinsicht hatte der Siebenjährige wohl schon mehr Verstand als ich. Jedenfalls machte er sich mit den Worten „Bei uns gibt’s gleich Abendbrot“ vom Acker. Immerhin konnte ich ihn noch überreden, mir den Gleiter anzureichen, nachdem ich aufs Garagendach geklettert war. „Hinten ist sie nicht so hoch. Falls es nicht klappt, falle ich nicht so tief“, waren meine letzten beruhigenden Worte in Richtung meines Fliegerfreunds.

Mein einsamer Sprung vom Garagendach in die Abendsonne war knapp zwei Meter tief. Der Flieger war schon kaputt, bevor wir gemeinsam den Boden erreichten – ich hatte mich nicht weit genug abgestoßen, unser schönes Leitwerk war auf die Garagenkante geknallt und nach oben weggeklappt. Einige von Tante Friedas Pfingstrosen – direkt hinter unserer Garage lag ihr Beet – überlebten den Unfall nicht. Ich selbst kam mit einem leicht verstauchten Knöchel davon.

Lilienthal war mein Idol

„Das hätte noch viel schlimmer ausgehen können“, rügte mich am selben Abend nicht ganz zu Unrecht meine Mutter. „Opfer müssen gebracht werden“, antwortete ich ziemlich lässig und fühlte mich dabei wie mein großes Vorbild, dem die Nachwelt diese letzten Worte zugeschrieben hat. Selig schlief ich ein. Immerhin stand ich jetzt in einer Reihe mit Lilienthal und all den anderen Helden.

Ich muss es meinen Eltern hoch anrechnen, dass sie mir nie das Gefühl gaben, sich dafür zu schämen, dass ihr Sohn irgendwie etwas sonderbar geraten war. Sie vermuteten allerdings ziemlich schnell, dass mir die Theorie besser lag als die Praxis. Und drängten mich – vielleicht auch aus Angst vor weiteren Unfällen – in die entsprechende Richtung: Sie kauften mir jede Menge Flugzeugquartetts. Schon bald war ich unschlagbar.

Mein bescheidenes Taschengeld gab ich fast komplett für eine wöchentlich erscheinende Zeitschrift namens „Aero“ aus. Mein Vater klapperte mit mir die Flugplätze der weiteren Umgebung ab, damit ich mich an Flugzeugen sattsehen konnte. Einmal verriet er mir dabei, dass auch er in seinen Träumen fliegen konnte und auf diese Art bislang all seinen Traumfeinden entkommen konnte – ich war nicht mehr alleine.

Ein paarmal nahmen wir sogar die lange Autobahnfahrt zum Frankfurter Flughafen in Kauf, nur um uns Flugzeuge anzuschauen. Jahrelang erzählte mein Vater voller Stolz eine Geschichte, nach der drei ältere Herren mit dem Fernglas auf der Aussichtsterrasse standen und vergeblich versuchten, ein dreistrahliges Flugzeug der ungarischen Fluggesellschaft Malev zu bestimmen. „Das ist eine Tupolew Tu-154“, soll ich gesagt haben. „Die Typenbezeichnung steht ziemlich weit vorne unterm Cockpit.“ Die drei Männer sollen ähnlich geschaut haben wie die Leute, die mich zuvor mit meinen eigenwilligen Flugapparaten beobachtet hatten.

Und heute? Bin ich Pilot geworden? Nein, meine Eltern sollten recht behalten. Ich bin ein Träumer und eher ein Theoretiker: Ich schreibe Geschichten. Nicht nur über Flugzeuge, aber auch. Manchmal packt es mich allerdings noch. So wie vor wenigen Jahren, als ich mit meinem jüngeren Bruder im kolumbianischen Regenwald unterwegs war, mit einer alten DC-3. „Wollt ihr mal ans Steuer?“, fragte der Pilot. „Klar“, sagte ich und machte 500 Meter überm Amazonasbecken ein paar Schlenker mit dem 82-jährigen Flugzeug. „Dein Bruder kann’s besser“, eröffnete mir der Pilot abends bei einem Fläschchen Bier und legte mir tröstend die Hand auf die Schulter. Was soll’s? Der Traum vom Fliegen lebt weiter. Und wird bestimmt so alt, wie der Autor selbst.

Meiko Haselhorst

 

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Über Meiko Haselhorst

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Meiko Haselhorst (46) wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzege und fürs Fliegen lebt der zweifache Vater zuweilen auf Reisen und an der Tastatur aus.

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