Homepage » Aero-Kultur » Der Junge und die Lady

Das Dorf Stölln und der dortige Gollenberg sind vor allem dank Flugpionier Otto Lilienthal bekannt. Der Ort im brandenburgischen Havelland bietet aber noch mehr „Aero-Kultur“.

23.06.2026

Blick über die Il-62-Tragfläche auf die Triebwerke, das Museumscafé und die vielen Drachen am Himmel. © Meiko Haselhorst

Nur ganz kurz lässt sich der Junge von seinen Großeltern noch mal ablenken: „Guck doch mal, die ganzen Drachen“, versucht es der Opa und zeigt auf Blauwal, Krake & Co., die da am blauen Himmel überm Gollenberg im Wind tanzen und von einem Grüppchen älterer Sonntagsausflügler bestaunt werden. „Ja, cool!“, sagt der vielleicht Neunjährige und schaut sich die Sache für ein paar Sekunden an. „Aber jetzt will ich ins Flugzeug!“ 

Gemeint ist „Lady Agnes“, eine 53-jährige Iljuschin Il-62, die hier seit knapp 40 Jahren in der Landschaft steht. Spektakulär ist vor allem die Geschichte, wie sie einst hierher kam.

Nachdem Opa am Tresen des vorgelagerten Cafés das Eintrittsgeld für sich und seinen Anhang entrichtet hat, gibt’s für den Enkel und auch für ihn selbst kein Halten mehr. „Los, ab ins Flugzeug“, rufen beide und sausen davon. Oma bleibt bei Kaffee und Kuchen zurück. „Ich war da schon mal drin“, sagt sie noch, da sind ihr Mann und der Kleine aber schon außer Hörweite.

In der Il-62 kann man heiraten

Im Inneren der Maschine erwartet sie – neben einem kleinen Interflug-Museum – ein Standesamt. Menschen können hier tatsächlich heiraten – und viele tun das auch. Zwischen 1991 und 2021 sollen sich hier mehr als 1.000 Paare das Ja-Wort gegeben haben. An diesem Tag findet allerdings keine Hochzeit statt. In der etwas stickigen Luft der Kabine setzen sich Opa und Enkel in die Passagiersitze und schauen über die stilechten Stühle für die Heiratswilligen hinweg auf einen Bildschirm. Dort läuft – wenn nicht gerade geheiratet wird – ein Film in Endlosschleife. Und in dem erfahren die beiden, teils von den damals Beteiligten selbst, wie es dazu kam, dass „Lady Agnes“ jetzt dort steht, wo sie steht:

An Nicht-Hochzeits-Tagen läuft im stilechten Iljuschin-Standesamt ein Film zur spektakulären Landung des Flugzeugs im Jahr 1989. © Meiko Haselhorst

Alles, so heißt es, fing vermutlich im Jahr 1988 an: Führungskader der staatlichen DDR-Fluggesellschaft Interflug besuchten das in Stölln bereits etablierte Lilienthal-Fest. Dort entstand dann die Idee, ein Verkehrsflugzeug zu Ehren Otto Lilienthals nach Stölln zu überführen. Ausgewählt wurde ein außer Dienst gestelltes, vierstrahliges Langstrecken-Verkehrsflugzeug vom Typ Iljuschin Il-62, das 1973 in der Sowjetunion gebaut worden und anschließend für die Interflug im Einsatz gewesen war.

In Zusammenarbeit mit der damaligen Bürgermeisterin und dem Generaldirektor der Interflug, gleichzeitig Vorsitzender des Lilienthal-Komitees der DDR, wurde mit den Vorbereitungen für eine Überführung in die Gemeinde begonnen. Um die technische Umsetzung kümmerte sich der erfahrene Pilot Heinz-Dieter Kallbach, seit 1961 bei der Interflug beschäftigt (beziehungsweise bei deren Vorläufer, der Deutschen Lufthansa in der DDR) gemeinsam mit seinem Team, bestehend aus Co-Pilot Peter Bley, Bordingenieur Ulrich Müller und Navigator Rudolf Döge.

Mit einem vierstrahligen Jet auf einer Graspiste landen?

Eine besondere Herausforderung ergab sich unter anderem dadurch, dass das Flugzeug auf einer Landebahn mit einer Länge von nur rund 860 Metern statt der eigentlich erforderlichen 2.500 Meter aufsetzen sollte. Die Bahn war in Richtung Westen zudem etwas abschüssig. Vor der Graspiste befand sich auch ein kleiner Hügel, der beim Anflug störte. Und natürlich war die Landebahn des Flugplatzes Stölln/Rhinow unbefestigt und eigentlich nur für Luftfahrzeuge bis sechs Tonnen Gewicht zugelassen.

Im Vorfeld musste also durch zahlreiche Berechnungen ermittelt werden, wie man die Maschine rechtzeitig zum Stehen bekommen könnte. Flugkapitän Kallbach kam zu dem Schluss, dass die Stöllner Piste ein Flugzeuggewicht von maximal 75 Tonnen würde tragen können. Deshalb wurde die Iljuschin durch den Ausbau nicht benötigter technischer Einrichtungen um etwa acht Tonnen erleichtert. Dies betraf neben allen Passagiersitzen vor allem das Stützfahrwerk im Heck und das ebenfalls dort befindliche Hilfstriebwerk.

Zunächst sollte die Landung – auch für den Fall des Scheiterns – ohne Zuschauer durchgeführt werden. Angesichts des enormen Vorbereitungsaufwandes, der in der ländlichen Region natürlich nicht unbemerkt blieb, war dies schnell hinfällig.

Nach diversen abgebrochenen Anläufen – meistens wegen schlechten Wetters, einmal wegen eines technischen Problems – startete das Flugzeug am 23. Oktober 1989 in Berlin-Schönefeld tatsächlich zu seiner letzten, etwa 100 Kilometer kurzen Reise. Nach zwei Probeüberflügen landete Kallbach das Flugzeug um 13.03 Uhr erfolgreich auf dem Flugplatz Stölln/Rhinow. Die Besatzung hatte die Maschine mit minimaler Geschwindigkeit, knapp vor dem Strömungsabriss, auf die Piste zugesteuert. Die beiden inneren Triebwerke wurden bereits in der Luft abgeschaltet, um deren Restschub zu eliminieren. Und die Schubumkehr, die vom Einschalten bis zum Aufbau des vollen Gegenschubs etwa sechs bis acht Sekunden benötigte, wurde bereits in 50 Metern Höhe aktiviert.

Nach dem ersten Aufsetzen auf dem störenden kleinen Hügel am Beginn der Piste hob die Il-62 noch zweimal kurz ab, sie hüpfte. Durch einen hohen Anstellwinkel bei der Landung entstand dann ein größerer Luftwiderstand für zusätzliche Bremskraft. Nach dem Aufsetzen fuhr der Pilot sofort die Bremsklappen aus und behielt den Anstellwinkel solange bei, bis sich der Bug durch das Unwirksamwerden des Höhenruders bei etwa 140 Stundenkilometern nach unten senkte. So konnte das Flugzeug nach rund 850 Metern tatsächlich zum Stillstand gebracht werden, wobei eine große, nicht einkalkulierte Staubwolke durch den Einsatz der Schubumkehr entstand und der Besatzung gegen Ende des Ausrollens vorübergehend die Sicht nahm.

Die Staubwolke nahm der Crew die Sicht

Nachdem sie den Durchblick zurückerlangt hatte, ließ sie die beiden für die Landung ausgeschalteten inneren Triebwerke an und rollte die Maschine zum geplanten jetzigen Standort. Am Boden wartete bereits eine große Menschenmenge, die Bürgermeisterin gratulierte der Besatzung als eine der Ersten. Die Landung wurde damals in das Guiness-Buch der Rekorde aufgenommen. Schließlich wurde das Flugzeug auf den Namen „Lady Agnes“ getauft, in Gedenken an die Ehefrau von Otto Lilienthal, die denselben Vornamen hatte. Seit jenem Tag wird in Stölln jedes Jahr das „Landefest“ gefeiert.

Opa und Enkel haben die Geschichte aufmerksam verfolgt – natürlich wurde das Spektakel damals aus allen erdenklichen Perspektiven gefilmt. „Tolle Sache, oder?“, fragt der Großvater und schaut zu seinem Jungen hinüber. Der nickt nur – und schaut sich die Landung im Nachspann noch mal an.

Kaffee und Kuchen mit ungewöhnlicher Aussicht. © Meiko Haselhorst

„Oma, was hast du denn die ganze Zeit hier draußen gemacht?“, will er zwei Minuten später wissen, als die beiden wieder zurück auf der Café-Terrasse sind. „Ich hab‘ die Spatzen und die Stare beobachtet“, entgegnet die Angesprochene und zeigt auf die Singvögel, die ihre Nester in den Ritzen und Hohlräumen des Lady-Leitwerks gebaut haben. Manche stehen halt auf große Vögel, andere auf kleine. Und manche auch auf fliegende Blauwale und Kraken.

Das Lilienthal-Dorf Stölln gehört zur Gemeinde Gollenberg im brandenburgischen Havelland – durchaus eine Gegend zum Träumen. © Meiko Haselhorst

Wer’s nicht weiß: Flugpionier Otto Lilienthal absolvierte am Gollenberg in Stölln seine längsten Flüge. Am 9. August 1896 stürzte er hier ab und starb am Folgetag an den schweren Verletzungen. Die Stöllner sind stolz auf „ihren“ Otto, haben ihm im Ort ein Museum und am Berg diverse Denkmäler gewidmet – und nennen ihren Flugplatz am Fuße des Berges in Anlehnung an den Pionier „den ältesten Flugplatz der Welt“. Nur wenige Meter entfernt steht „Lady Agnes“.

Meiko Haselhorst

 

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Über Meiko Haselhorst

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Meiko Haselhorst (Jahrgang 1974) wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzeuge und fürs Fliegen lebt der Vater von zwei Töchtern nun auf Reisen, in der Literatur und an der Tastatur aus. Der Pilotentraum ist aber noch nicht ganz ausgeträumt....

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