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HORYZN will den Rettungsdienst mit Drohnen revolutionieren

Eine studentische Initiative an der Technischen Universität München entwickelt Drohnen für den Einsatz im Rettungsdienst. Trotz Kontaktbeschränkungen haben es die Studierenden innerhalb kurzer Zeit geschafft, mehrere Prototypen zu entwickeln. Noch in diesem Jahr soll ein Anwendungstest unter kontrollierten Bedingungen erfolgen.

29.04.2021

Die Initiative HORYZN an der TU München entwickelt Drohnen für den schnellen Transport von Defibrillatoren zum Einsatzort. © HORYZN

Die studentische Initiative HORYZN an der Technischen Universität München (TUM) will mit ihrem Projekt „Mission Pulse“ Menschen retten, die einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand erleiden. Das sind in Deutschland nach Recherchen der Studierenden immerhin 75.000 Menschen pro Jahr. In einem solchen Notfall ist Zeit ein entscheidender Faktor. Je länger es dauert, bis der Patient sachkundige Hilfe erfährt, umso geringer sind die Überlebenschancen. Wenn ein Betroffener innerhalb von vier Minuten Hilfe erhält, beträgt seine Überlebenschance 34 Prozent, dauert es neun Minuten, sinkt diese auf nur noch 11 Prozent.

Hier setzt „Mission Pulse“ an. Es gibt derzeit bereits ein Netzwerk von „mobilfunkaktivierten Laien“, die sich als Ersthelfer registriert haben. Zu diesen Ersthelfer will HORYZN im Notfall Defibrillatoren per Drohne transportieren. Damit kann nach Ansicht der Studierenden wertvolle Zeit gewonnen werden. Die Drohne soll mit einer Geschwindigkeit von bis zu 125 km/h auf direktem Weg zum Einsatzort fliegen. Dort lässt sie den Defi an einer Winde herab und ist damit unabhängig von Landeplätzen. Bei einer Entfernung von sechs Kilometern zwischen Drohnenport und Einsatzort ist die Drohne im Idealfall die entscheidenden Minuten schneller beim Patienten als der Krankenwagen beziehungsweise der Notarzt.

Ergänzung des bestehenden Systems

Die Studierenden sehen ihr System nicht als Konkurrenz zum bestehenden Rettungswesen, sondern als sinnvolle Ergänzung. In Vorbereitung auf das Projekt haben sie unter anderem Rettungsleitstellen besucht, um aus erster Hand zu erfahren, ob eine solche Initiative überhaupt sinnvoll ist. Zunächst hatten sie nämlich über den Transport von zeitkritischen Blutkonserven per Drohne nachgedacht.

HORYZN entstand Ende 2019 mit 16 Teilnehmern. Balázs Nagy sagte bei einer Video-Pressekonferenz über den Beginn: „Wir haben einfach angefangen und die Komplexität unserer Projekte immer gesteigert.“ Trotz Corona habe man inzwischen sechs Prototypen gebaut, jeweils mit einem anderen Schwerpunkt. Im vergangenen Jahr lag der Schwerpunkt der Konstruktion auf einem möglichst geräuscharmen Flug, deshalb lief dieses Projekt auch unter dem Namen Silencio.

Die Initiative HORYZN hat seit 2019 schon sechs Prototypen ihrer Drohnen gebaut. © HORYZN

Das derzeitige Modell mit dem Namen Frankenstein 1 ist aus CFK und GFK gefertigt und wird von acht elektrisch angetriebenen Propellern in die Luft gebracht. Die Reichweite beim Transport eines rund 500 Gramm schweren Defibrillators soll bei rund zwölf Kilometern liegen. Auf den Namen Frankenstein kamen die HORYZN-Teilnehmer, da die Drohne ja auch aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt werde und in gewissem Sinne auch neues Leben schenke, so Sonja Dluhosch, die Sprecherin der Initiative.

Die Mitglieder von HORYZN betonen, dass Flugsicherheit bei der Entwicklung eine elementare Rolle spiele. Um eine Betriebsgenehmigung für Testmissionen zu erhalten, richte man sich bei der Auslegung und dem Bau nach den seit 2021 geltenden Regeln der EASA und den Rahmenbedingungen der Risikoanalyse für den Einsatz von Drohnen, SORA. Sollte die Drohne selbst in eine unkontrollierte Lage geraten, soll sie an einem Gesamtrettungssystem sicher zum Boden schweben.

58 Studierende aus acht Studiengängen

Derzeit bilden 58 Studentinnen und Studenten aus 21 Nationen und acht verschiedenen Studiengängen HORYZN. Sie sind in fünf Subteams organisiert, die sich mit verschiedenen Aspekten des Projekts befassen. Dazu gehören neben den technischen Aspekten auch die Bereiche Business Development, Funding und Certification.

Mission Pulse folgt einem ambitionierten Zeitplan. In diesem Quartal soll die Entwicklung des ersten Frankenstein-Prototyps abgeschlossen werden, im nächsten wollen die Studierenden die Entwicklung von Frankenstein 2 angehen. Schon im letzten Quartal 2021 soll ein Anwendungstest in einer kontrollierten Umgebung stattfinden. Anfang 2022 will Mission Pulse den Antrag auf Betriebsgenehmigung stellen und im dritten Quartal 2022 simulierte Testflüge über bewohntem Gebiet durchführen. Auch dieser Plan folgt der Strategie, die Komplexität der Aufgaben von Projektphase zu Projektphase zu steigern.

Volker K. Thomalla

 

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Über Volker K. Thomalla

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Volker K. Thomalla ist Chefredakteur von aerobuzz.de. Er wurde 2021 mit dem Aerospace Media Award (Kategorie Business Aviation) ausgezeichnet. Er berichtet seit über 35 Jahren als Journalist über die Luft- und Raumfahrt. Von 1995 bis 2016 leitete er als Chefredakteur die Redaktion aerokurier, von 2000 bis 2016 zusätzlich die Redaktionen FLUG REVUE und Klassiker der Luftfahrt. Thomalla war zwischen 2016 und 2020 Chefredakteur des englischsprachigen Business-Aviation-Magazins BART International. Er hat mehrere Bücher über die Luftfahrt geschrieben und als Privatpilot auch praktische Flugerfahrung gesammelt.

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