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Erfüllte Kindheitsträume: Mit der DC-3 durch Kolumbien

Vor mehr als 70 Jahren waren Flugzeuge vom Typ Douglas C-47/DC-3 ein Teil der Berliner Luftbrücke. In Kolumbien verbinden die unverwüstlichen Oldtimer bis heute entlegene Dörfer mit der Außenwelt.

4.08.2020

Auch bei bestem Wetter ist beim Anflug auf eine Dschungelpiste hohe Konzentration gefragt. © Meiko Haselhorst

Es riecht nach Bier und nach Schweiß. Und nach Schlamm und nach Fluss. Die kleine Bambus-Bar am Ufer des Río Vaupés ist gesteckt voll, die Musik stampft, die Menschen umarmen und unterhalten sich, Corona ist an diesem späten Abend im November 2018 nichts weiter als eine mexikanische Biermarke. Ein Mann an einem Tisch spricht uns an: „Hey, wart Ihr beide heute Morgen nicht meine Passagiere? Setzt Euch!“

DC-3/C-47 in Kolumbien

Der Vortag: Ich habe mich mit meinem Bruder Stefan ins süd­lich der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá gelegene Villavicencio begeben. Der Grund unseres Besuchs: Seit meiner Kindheit träume ich davon, mit einer DC-3 zu flie­gen, jenem legendären und wunderschönen Flugzeug, das vor 70 Jahren als Rosinenbomber zu einem Hauptpfeiler der Berliner Luftbrücke wurde. Es sollte aber kein touristischer Rundflug sein, das war mir irgendwie nicht authentisch genug. In Villavicencio, so hatte ich erfahren, haben diverse kolumbianische Klein-Airlines ihren Stützpunkt, die mit den unverwüstlichen Oldtimern bis heute unterwegs sind und von der Außenwelt abgeschiedene Gegenden in den Anden und im Amazonasbecken ansteuern. Also auf nach Villavicencio!

Am kleinen Flughafen der schwül-warmen 500.000-Einwohner-Stadt dauert es gar nicht lange, da haben wir schon das winzige Büro der Gesellschaft Air Colombia entdeckt. Der staatstragende Name täuscht – die Firma hat gerade mal eine Handvoll Flugzeuge im Einsatz, alle auf Transport spezialisiert. Bei Bedarf dür­fen aber auch Passagiere mit. „Wo wollt ihr denn hin?„, fragt der etwas verschwitzte Mann, der hinter seinem Schreibtisch und unter einem großen Ventilator auf einem Plastikstuhl sitzt. »Egal«, ist unsere Antwort. „Hauptsache, wir fliegen mit der DC-3.“ Der Mann lacht. „Okay“, sagt er. „Morgen geht ein Flug nach Mitú, das liegt am Rand des Amazonasbeckens – da ist noch Platz.“ Abgemacht!

So würde ein Kind ein Flugzeug malen

Am nächsten Tag geht’s los. Als wir auf dem Vorfeld stehen und die DC-3 auf uns zurollt, bekomme ich feuch­te Augen. Der satte Sound der beiden Sternmotoren, die in der Sonne glänzende Aluminiumhülle, dieses Design mit den vielen Rundungen – herrlich. „So würde ein Kind ein Flugzeug malen“, geht es mir durch den Kopf. Die große Tür – Einstieg und Ladeluke zugleich – öffnet sich, über eine ausgeklappte Leiter besteigen wir den Flieger. Kapitän Juan Carlos Cortés Guarín stellt sich und sein Flugzeug persönlich vor: „Diese DC-3 ist das älteste noch fliegende Flugzeug in ganz Kolumbien, Baujahr 1936“, sagt er nicht ohne Stolz.

Matratzen, Getränke, Eier: Die DC-3 sorgen im kolumbianischen Hinterland für eine Grundversorgung der kleinen Ortschaften. © Meiko Haselhorst

Überflüssigen Schnickschnack sucht man im Laderaum vergeblich, die Kabine ist nicht mal verkleidet. „Gewicht sparen“, lautet die einleuchtende Erklärung des Piloten. Der Frachtraum ist vollgestopft mit Eiern in Kartons, Limoflaschen und Matratzen – Dinge, die eini­ge Ladenbesitzer in Mitú bestellt haben. Wir setzen uns auf zwei seitlich angebrachte Klappsitze. Andere Passa­giere gibt’s nicht. Außer uns sind nur noch die beiden Piloten an Bord. Und Flugzeugmechaniker José Caballero, der immer mit­fliegt. Man weiß ja nie …

Schwarzer Qualm kommt aus den Auspuff-Rohren, als der Pilot die Propeller anwirft. Der Rauch wird weiß, dann verschwindet er ganz. Wir rol­len zur Startbahn, die Motoren werden noch lauter, es rumpelt und rattert – schon sind wir in der Luft und flie­gen mit gerade mal 115 Knoten gen Süden. Nach kurzer Zeit befinden wir uns überm Regen­wald. In 6.500 Fuß Höhe ist es ganz schön frisch, durch die zahlreichen undichten Stellen an Fenstern und La­deluke zieht der Wind. Mein Bruder und ich sehen uns an und lachen. Unterhalten können wir uns kaum, da­für ist es zu laut.

Die DC-3 galt schon vor 50 Jahren als Oldtimer

Unten die „grüne Hölle“, am Himmel ei­ne DC-3. Fehlen nur noch die aufgeregt gackernden Hüh­ner, die in ihren Käfigen von rechts nach links rutschen – und schon könnte man ein Remake von „Zwei Himmel­hunde auf dem Weg zur Hölle“ drehen. Der in Kolumbien gedrehte Kla­mauk mit Bud Spencer und Terence Hill ist von 1972, die DC-3 war da­mals schon ein Sinnbild für „alte Klapperkiste“ – fast 50 Jahre später ver­richtet sie immer noch zuverlässig ihren Dienst. Nach gut zweistündigem Flug setzen wir auf der Landebahn des 30.000-Einwohner-Städtchens Mitú auf. Hier wollen wir zwei Tage bleiben.

Abends sitzen wir in dieser ziemlich dunklen Ka­schemme am Ufer des Rio Vaupés und kommen mit dem Flugkapitän ins Gespräch. Seit rund 30 Jahren fliegt der 51-Jährige die DC-3. Den Arbeitgeber hat er schon häu­fig gewechselt, einmal hat es ihn sogar nach Kenia verschlagen, Skyways hieß die Airline, für die er das alte Flugzeug von 1996 bis 1998 durch den Himmel dirigierte. Im Moment denkt er darüber nach, ob er bei der kanadischen Buffalo Airways mit ihrer Oldie-Flotte noch mal eine neue Herausforderung wagen soll. Die fliegenden Kisten, sagt er, machten ihm keine Angst, „eher schon die engli­sche Sprache“.

In Afrika hat Cortés als Pilot seinen gefährlichsten Moment durchlebt. „Das war auf einem Flug vom Sudan nach Kenia“, erzählt er und nimmt einen Schluck Bier. „Es gab Proble­me mit einem Motor. Ich musste ihn abstellen, um Schlimmeres zu verhindern – das kommt schon mal vor. Als ich den vier Passagieren sagte, dass wir nun aus Sicherheitsgründen einen Zwischenstopp auf einem nahegelegenen Flughafen einlegen, zog ei­ner ein Messer aus seinem Turban und hielt es mir an den Hals – der vorgesehene Landeplatz befand sich offenbar im Feindesland“, erzählt der Pilot. Die Männer hätten gedroht, ihm den Hals aufzuschlit­zen, falls er wirklich dort runtergehen würde. „Al­so bin ich mit einem Motor bis nach Kenia weiter­geflogen.“

Bevor wir uns verabschieden, fragt Cortés: „Wollt Ihr morgen vielleicht mit nach Teresita fliegen? Ist ein 200-Seelen-Dorf an der brasilianischen Grenze, eine halbe Flugstunde von hier entfernt. Ich muss dort ein paar Zementsäcke und Eisenstangen ab­liefern.“ Das lassen wir uns nicht zweimal anbieten.

Wir fliegen stehend im Cockpit mit

Den kurzen Flug nach Teresita verbringen wir im Cockpit, im Stehen. Unter uns nichts als Bäume und Flüsse. Cortés fliegt mit offenem Fenster und lässig aufgelegtem Arm, der Motorenlärm – in unseren Oh­ren wie Musik – ist ohnehin kaum steigerungsfähig. Die Landung auf der kurzen und unbefestigten Pis­te in Teresita – ebenfalls im Stehen – ist abrupt und rumpelig. Sofort wird die Maschine von den indige­nen Dorfbewohnern umringt. Beim Entladen gilt das Motto „viele Hände, schnelles Ende“ – ruckzuck sind Zementsäcke und Eisenstangen draußen.

Cortés steht mit seinem Copiloten David Gomez und einigen „höhergestellten“ Dorfbewohnern im Schatten der Tragfläche, auf der anderen Seite tun es ihnen einige Kinder gleich. „Alle anderen Flugzeu­ge hatten hier schon Probleme mit der Landung, be­sonders in der Regenzeit, wenn die Piste matschig ist – nur auf die DC-3 ist Verlass“, erzählt Pablo Giménez, eine Art Ortsvorsteher.

Unser Pilot macht einen Vorschlag: „Wenn ihr wollt, könnt ihr hier im Busch bleiben und auf mich warten. Ich komme in ein paar Stunden zurück. Dann könnt ihr die Maschine in der Luft fotografie­ren – und später sammele ich euch wieder ein und nehme euch wieder mit in die Stadt.“ Vorschlag an­genommen. „Wenn ich wiederkomme, stellt ihr euch an den Anfang der Piste, da könnt ihr die besten Fotos von Start und Landung machen“, sagt Cortés noch.

Die DC-3 ist aus vielen Perspektiven eine zeitlose Schönheit. © Meiko Haselhorst

Nachdem die DC-3 in der Ferne verschwunden ist, ge­hen wir an den Rio Papurí, der sich malerisch durchs Dorf und durch sein felsiges Flussbett schlängelt und die na­türliche Grenze zu Brasilien bildet. Wir unterhalten uns mit den Bewohnern, lassen uns von Kindern an Arm- und Beinhaaren zupfen, bekommen Guavensaft und ein lau­warmes Bier. Zeitig machen wir uns wieder auf den Weg zur Piste. Vis-à-vis mit einer DC-3 im Landeanflug – das wollen wir auf keinen Fall verpassen. Ein Vorhaben, das uns glückli­cherweise gelingt. „Da kommt sie!“, ruft mein Bruder aufgeregt und zeigt auf die kleine Silhouette eines Flugzeugs, die über den Bäumen sichtbar wird. Wir bringen uns an der Landebahn in Position. Sekunden später röhrt in kaum fünf Metern Höhe eine alte DC-3 über unsere Köpfe hin­weg.

„War das nicht genial?“, rufe ich mei­nem Bruder zu, als das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzt und eine rote Staubwolke aufwirbelt. Mein Bruder nickt: „Das ist nicht mehr zu toppen.“ Im Scherz fügt er hin­zu: „Es sei denn, wir dürfen auf dem Heimweg selbst flie­gen.“ Auf dem Rückflug nach Mitú holt uns Juan Carlos Cortés Guarín wieder ins Cockpit. Und fragt tatsächlich: „Wollt ihr vielleicht mal kurz ans Steuer?“ Südamerika – der Kontinent der unbegrenzten Möglichkeiten. Und der erfüllten Kindheitsträume.

Meiko Haselhorst

 

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Über Meiko Haselhorst

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Meiko Haselhorst (46) wollte als Kind immer Pilot werden. Doch es kam anders: Er wurde Tischler, später Redakteur einer Tageszeitung – und arbeitet heute als freiberuflicher Journalist. Seine immer noch vorhandene Leidenschaft für Flugzege und fürs Fliegen lebt der zweifache Vater zuweilen auf Reisen und an der Tastatur aus.

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